Barfuß am Maschsee
Bettina, 48 · Hannover
Kurz nach zehn stehe ich am Ufer des Maschsees, die Schuhe in der Hand, das Gras unter meinen Füßen noch warm vom Tag, und höre neben mir jemanden lachen, der dreizehn Jahre jünger ist als ich. Ich, Bettina, achtundvierzig, Rechtsanwältin für Arbeitsrecht in einer Kanzlei am Aegidientorplatz, stehe um diese Zeit normalerweise nicht am Wasser. Normalerweise sitze ich um diese Zeit noch am Schreibtisch, über einer Klageschrift, mit kaltem Kaffee neben der Tastatur. Heute stehe ich hier, weil ein Mann namens Paul mich vor neun Stunden angeschrieben hat, und weil ich zum ersten Mal seit Jahren eine Nachricht nicht drei Tage liegen ließ, bevor ich antwortete.
In der Kanzlei nennen mich die jüngeren Kollegen respektvoll „Frau Doktor“, obwohl ich nie promoviert habe, nur weil ich seit zwanzig Jahren keine Verhandlung verliere, die ich hätte gewinnen können. Zu Hause, in der Wohnung in der List, in der die Zimmer meines Sohnes seit seinem Umzug nach München leer stehen, nennt mich niemand mehr irgendwie. Ich habe mir das lange nicht eingestanden, dass die Stille dort abends lauter ist als jede Verhandlung, die ich je geführt habe. Die App auf meinem Handy hatte ich installiert, nach einem Glas Wein zu viel an einem Sonntagabend, halb aus Neugier, halb aus einer Trotzhaltung gegenüber meiner eigenen Vorsicht, und seither wischte ich die meisten Profile weg, bevor ich überhaupt richtig hingesehen hatte.
„Du bist ruhiger, als ich dachte“, sagt Paul und setzt sich ins Gras, als sei das die natürlichste Sache der Welt, obwohl ich ihn vor zwei Stunden zum ersten Mal in echt gesehen habe. „Was hast du erwartet?“, frage ich. „Ich weiß nicht. Eine Anwältin, die mir mitten im Satz widerspricht.“ Ich lache, setze mich neben ihn, auch wenn mein Rock dafür eigentlich nicht gemacht ist, und sehe hinaus auf den See, auf die Lichter des Maschseeturms, die sich im schwarzen Wasser spiegeln, während irgendwo hinter uns noch ein Ruderboot leise gegen den Steg schlägt.
Vor neun Stunden war das alles noch anders. Um kurz nach acht saß ich in einer Verhandlung, während auf meinem stummgeschalteten Handy eine Nachricht aufblitzte: „Ich weiß, dreiunddreißig ist vielleicht zu jung für dich, aber ich mag deine Antworten. Feierabend heute?“ Ich hatte sein Profil zwei Tage zuvor gesehen, weggeklickt, wieder angesehen, wieder weggeklickt, weil ich mir sicher war, dass eine Frau meines Alters, meines Berufs, meiner Geschichte sich nicht mit einem Mann trifft, der Software entwickelt und aussieht, als würde er noch zur Uni gehen.
Zwischen zwei Terminen, in der Teeküche der Kanzlei, während meine Kollegin Sabine Akten sortierte, schrieb ich zurück: „Dreiunddreißig ist nicht zu jung. Ich bin nur zu beschäftigt, um mir das einzugestehen.“ Er antwortete mit einem Vorschlag: Feierabend, sechs Uhr, ein Spaziergang an der Lister Meile, nichts Verbindliches, nur ein Kaffee im Gehen, falls es unangenehm würde. Ich saß die restlichen Stunden in einer Anhörung über Kündigungsschutz und hörte mir selbst zu, wie ich Paragraphen zitierte, während mein Kopf schon in der Podbielskistraße war.
Um sechs stand er vor dem Kino an der Lister Meile, in einer Jeansjacke, die einen Fleck am Ärmel hatte, den er später als Kaffee von der Mittagspause erklärte, mit einem Lächeln, das mich sofort an die Nervosität erinnerte, die ich selbst seit Stunden mit mir herumtrug. „Ich habe überlegt, ob ich zu spät komme, damit es lässiger wirkt“, sagte er als Erstes, „aber dann dachte ich, eine Anwältin merkt sowas sofort.“ „Ich hätte es gemerkt“, sagte ich, und wir gingen los, ohne Ziel, an den Cafés und den kleinen Boutiquen der Lister Meile vorbei, in denen die Verkäuferinnen schon die Rollläden herunterließen.
Er erzählte von seiner Arbeit, von einer Firma in der Nordstadt, die Software für Krankenhäuser entwickelt, davon, dass er aus Hildesheim nach Hannover gezogen ist, weil ihm die Stadt weniger nach fertig gedacht vorkam als andere. Ich erzählte, vorsichtig zuerst, von der Kanzlei, vom Aegidientorplatz, von den Abenden, an denen ich noch um acht am Schreibtisch sitze, weil zu Hause in der List ohnehin niemand auf mich wartet, seit mein Sohn vor zwei Jahren nach München gezogen ist und die Wohnung endgültig zu groß wurde.
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Jetzt reife Frauen treffen„Ich habe nachgeschaut, wie alt du in meinem Alter warst“, sagte er irgendwann, als wir an der Ecke zur Walderseestraße stehen blieben, weil die Ampel rot war und keiner von uns es eilig hatte. „Fünfzehn“, sagte er. „Du warst fünfzehn, als ich geboren wurde.“ Ich spürte, wie mein Magen sich zusammenzog, wie die alte, vernünftige Bettina, die Anwältin, die genau weiß, welche Risiken man vertraglich absichert, den Satz vorbereitete, mit dem man solche Gespräche höflich beendet. Aber Paul lächelte nur und sagte: „Ich erzähle das nicht, um dich zu erschrecken. Ich erzähle es, weil es mir egal ist, und ich wollte, dass du das siehst.“
Wir bogen ab zum Maschsee, weil er meinte, ein Gespräch wie dieses brauche Wasser, keine Straßenbahnschienen, und auf dem Weg dorthin erzählte ich ihm, warum ich seit der Scheidung vor sechs Jahren keine Verabredung länger als einen Kaffee gemacht hatte: weil jeder Mann in meinem Alter mir irgendwann von seiner Ex-Frau erzählte, als sei ich eine Fortsetzung, kein eigener Anfang. „Ich habe keine Ex-Frau, über die ich reden könnte“, sagte er. „Nur eine Kollegin, die mich vor einem Jahr gefragt hat, warum ich mich nur für Frauen interessiere, die älter sind als ich. Ich habe ihr gesagt, dass mich Frauen langweilen, die noch beweisen müssen, wer sie sind. Du musst das nicht mehr.“
Ich blieb stehen, mitten auf dem Gehweg der Podbielskistraße, während ein Radfahrer klingelnd um uns herumfahren musste, und sagte, dass ich das für den gefährlichsten Satz halte, den mir seit Jahren jemand gesagt hat, weil er genau die Tür öffnet, die ich mir seit der Scheidung fest verschlossen habe. „Welche Tür?“, fragte er. „Die, hinter der ich mir zutraue, dass mich jemand ansieht, ohne mich mit einer Vorgeschichte zu vergleichen“, sagte ich. Er nickte nur und legte, ohne etwas zu erklären, für den Rest des Weges seine Hand leicht auf meinen Unterarm, eine Geste, die mehr sagte als jedes weitere Argument.
Am Ufer, im Gras, mit den Schuhen in der Hand, ist es dieser Satz, der noch nachhallt, als er sich zu mir hinüberlehnt und fragt, ob er mich küssen darf, eine Frage, die mir seit Jahren niemand mehr gestellt hat, weil die Männer meines Alters offenbar dachten, man müsse das mit fünfzig nicht mehr fragen. „Ja“, sage ich, und für einen Moment ist da kein Altersunterschied mehr, keine Paragraphen, keine Teeküche, nur der See, der Wind und seine Hand, die sich vorsichtig in meine legt.
Wir bleiben, bis der letzte Betreiber des Bootsverleihs die Lichter am Steg löscht und uns höflich, aber bestimmt darauf hinweist, dass der Park nachts geschlossen wird. Er begleitet mich bis zur Straßenbahnhaltestelle an der Marienstraße, und als die Bahn kommt, hält er meine Hand noch einen Moment länger, als nötig wäre. „Ich schreibe dir morgen“, sagt er, „auch wenn du mir sagst, ich solle es nicht tun.“ „Schreib mir“, sage ich, und diesmal warte ich, ganz bewusst, nicht drei Tage mit der Antwort.
Als die Bahn durch die List fährt, sehe ich mein Spiegelbild im dunklen Fenster, die Frisur zerzaust vom Wind am See, und denke an die Verhandlung von heute Morgen, an die Paragraphen, an die Klageschrift, die noch immer unfertig auf meinem Schreibtisch liegt. Zum ersten Mal seit Jahren stört mich das nicht. Manche Dinge, denke ich, während die Bahn am Opernplatz vorbeifährt, muss man nicht zu Ende verhandeln, bevor man sie zulässt.
Am nächsten Morgen, noch vor der ersten Verhandlung, liegt tatsächlich eine Nachricht von ihm auf meinem Handy, kurz nach sieben, als hätte er selbst nicht lange geschlafen. Kein großer Satz, nur ein Foto vom Maschsee im Morgennebel und die Worte: „Sieht heute fast so aus wie gestern Abend, nur ohne dich.“ Ich lese es zweimal, bevor ich in den Verhandlungssaal gehe, und lächle dabei so unpassend, dass Sabine mich fragt, ob ich den Gegner schon vorab in der Akte gefunden habe. Ich sage nur, dass ich heute Abend vielleicht wieder pünktlicher Feierabend mache als sonst, und zum ersten Mal seit Jahren meine ich das auch so.







