Spontan an einem Dienstag
Nina, 47 · Frankfurt am Main
Zwischen zwei Telefonkonferenzen, während auf dem geteilten Bildschirm eine Kollegin zum dritten Mal dieselbe Folie erklärte, öffnete ich unter dem Tisch mein privates Handy und sah die Nachricht, die alles ändern sollte. „Ich bin gerade fünf Minuten von der Alten Oper entfernt. Hättest du heute Abend spontan Lust, dich zu treffen? Ich weiß, das ist kurzfristig.“ Ich bin Nina, siebenundvierzig, seit zwölf Jahren in einer Bank am Mainzer Landstraße, in einer Abteilung, die Zahlen verwaltet, die ich mir selbst kaum vorstellen kann, geschieden, mit einem Kalender, der normalerweise keine Lücken kennt. Der Absender hieß Robert, ich hatte mit ihm seit einer Woche unregelmäßig geschrieben, ohne echte Erwartung, weil ich, ehrlich gesagt, kaum noch damit rechnete, dass aus solchen Nachrichten je etwas wurde.
Ich tippte „Heute Abend könnte klappen“ und schaltete gleichzeitig mein Mikrofon wieder ein, um eine Frage zu beantworten, die ich nur zur Hälfte gehört hatte. Meine Assistentin Frau Ohlig warf mir einen Blick zu, der halb amüsiert, halb misstrauisch war, weil sie mich seit Jahren kannte und genau wusste, dass ich während Meetings niemals lächelte, während ich es in diesem Moment offenbar tat. Robert schrieb zurück, fast sofort: „Sachsenhausen, achtzehn Uhr? Ich kenne einen Apfelweinladen, in dem noch niemand von uns beiden je war.“ Ich fand die Idee absurd charmant, ein Ort, der für keinen von uns Erinnerungen trug, ein neutraler Boden für etwas, das noch keinen Namen hatte.
Der restliche Nachmittag zog sich wie Kaugummi. Ich saß in einer Besprechung über Quartalszahlen und dachte an das Wort „spontan“, das ich seit meiner Scheidung praktisch aus meinem Vokabular gestrichen hatte, weil Spontaneität für mich lange gleichbedeutend mit Kontrollverlust gewesen war, und Kontrollverlust hatte mich einmal fast meine Existenz gekostet, damals, als mein Mann über Nacht auszog und mir nur einen Zettel auf dem Küchentisch hinterließ. Jetzt, mit siebenundvierzig, saß ich in einem Glasbüro im Bankenviertel und merkte, dass diese Art von Spontaneität, die eines fremden Mannes, der einfach fragt, ob man heute Abend Zeit hat, sich vollkommen anders anfühlte: nicht wie ein Verlust, sondern wie ein kleines Geschenk mitten im Terminkalender.
Um kurz nach sechs verließ ich das Bankenviertel, ging über die Untermainbrücke, den Main unter mir träge und braun im Abendlicht, und erreichte Sachsenhausen, wo die Straßen enger und die Fassaden bunter wurden, als hätte die Stadt hier beschlossen, sich zu entspannen. Der Apfelweinladen lag in einer Seitengasse der Frankensteiner Straße, mit hölzernen Bänken draußen und einem Wirt, der jeden Gast mit Vornamen zu kennen schien, obwohl das kaum möglich war. Robert saß schon da, groß, mit einem grauen Anzug, dessen Krawatte er gelockert hatte, ein Zeichen, dass auch er direkt aus dem Büro gekommen war, aus einer Kanzlei am Opernplatz, wie ich später erfuhr.
Wir bestellten Ebbelwoi im geripptem Glas, das er mir erklärte, als sei es ein kleines Ritual, und Handkäs mit Musik, den ich noch nie probiert hatte, obwohl ich seit zwanzig Jahren in dieser Stadt lebte. „Wie kann man zwanzig Jahre in Frankfurt leben und nie Handkäs gegessen haben?“, fragte er, halb entsetzt, halb amüsiert, und ich gestand, dass ich die meiste Zeit dieser zwanzig Jahre zwischen Büro, Fitnessstudio und einer Wohnung im Westend verbracht hatte, ohne die Stadt wirklich anzuschauen. „Dann zeige ich sie dir eben heute Abend“, sagte er, und ich spürte, wie sich etwas in mir löste, das ich für lange erstarrt gehalten hatte.
Wir redeten über seine Scheidung, die schon acht Jahre zurücklag, über meine, die erst zwei Jahre alt war und noch wie eine offene Wunde anfühlte, wenn ich unvorsichtig war. Er erzählte von seiner Tochter, die in Mainz studierte, ich von meinem Sohn, der in London arbeitete und mich nur zu Weihnachten anrief. Zwischen den Sätzen lachten wir öfter, als ich es seit Monaten getan hatte, über nichts Besonderes, über den Wirt, der einem Stammgast am Nebentisch Vorwürfe wegen seiner Wahl der Zeitung machte, über die Ironie, dass zwei Menschen, die den ganzen Tag mit Zahlen und Paragraphen zu tun hatten, abends nichts als Unsinn reden wollten.
Willst du so etwas selbst erleben, und zwar bald?
Die Frauen aus diesen Geschichten haben nicht lange gefackelt. Registrier dich anonym, gib deine Stadt ein und schreib die erste Nachricht, am besten gleich jetzt.
Jetzt reife Frauen treffenGegen acht schlug er vor, noch ein Stück am Museumsufer entlangzugehen, bevor die Läden schlossen und die Stadt in ihre Abendruhe fiel. Wir gingen am Fluss, sahen die Lichter der Skyline sich im Wasser spiegeln, dieselben Türme, an denen ich jeden Morgen mit der U-Bahn vorbeifuhr, ohne sie wirklich anzusehen, und die jetzt, aus dieser Perspektive, aus Sachsenhausen heraus, fast fremd und schön wirkten. Robert nahm meine Hand, als wir über eine unebene Stelle des Weges gingen, und ließ sie danach einfach nicht mehr los, und ich ließ es geschehen, ohne die übliche innere Debatte, die solche Gesten sonst in mir auslösten.
„Ich habe heute Nachmittag überlegt, ob ich zu forsch war, mit der Nachricht“, gestand er, als wir an der Alten Brücke stehen blieben. „Man schreibt normalerweise nicht ,heute Abend' an einem Dienstag.“ Ich dachte an all die Dienstage, die ich in den letzten zwei Jahren allein in meiner Westend-Wohnung verbracht hatte, mit einem Glas Wein und einer Akte, die ich zu Hause noch fertigmachen wollte. „Ich finde, gerade ein Dienstag ist der beste Tag dafür“, sagte ich. „Am Wochenende plant man. Unter der Woche muss man einfach mutig sein.“ Er lächelte, und in diesem Lächeln lag etwas, das mir sagte, dass dieser Abend noch nicht zu Ende sein würde.
Er wohnte nur zehn Gehminuten entfernt, in einer Altbauwohnung nahe der Textorstraße, mit hohen Decken und Büchern, die sich in jeder Ecke stapelten. Er machte keine großen Ankündigungen, fragte nur, ob ich noch ein Glas Wein oben trinken wolle, und ich sagte Ja, ohne dass es sich nach einer Ausrede anfühlte. Was zwischen uns geschah, in einem Zimmer mit offenem Fenster, durch das die Geräusche der Sachsenhäuser Straßen leise hereindrangen, gehört allein uns, ein Kapitel, das ich nicht in Worte fassen muss, um zu wissen, dass es das Beste war, was mir seit meiner Scheidung passiert ist.
Am nächsten Morgen, auf dem Weg ins Büro, ging ich noch einmal über die Untermainbrücke, mit derselben Skyline vor mir wie am Vorabend, aber mit anderen Augen. Ich dachte an die Nachricht, die alles begonnen hatte, an das Wort „spontan“, das ich so lange gemieden hatte, und beschloss, dass ich es mir zurückholen wollte, nicht nur für einen Dienstagabend in Sachsenhausen, sondern als eine Art, mein ganzes restliches Leben zu führen. Als ich mein Büro erreichte, piepte mein Handy. „Handkäs beim zweiten Date?“, stand da. Ich schrieb zurück, noch bevor ich meinen Mantel ausgezogen hatte: „Wieder heute Abend?“
Frau Ohlig fragte mich nicht mehr, warum ich lächelte, sie hatte sich damit abgefunden, dass ich seit diesem Dienstag im Bankenviertel eine andere Kollegin geworden war, eine, die pünktlich Feierabend machte, statt Überstunden zu sammeln, die niemand von mir verlangte. Robert und ich sahen uns in den folgenden Wochen fast jeden zweiten Tag, immer kurzfristig, nie länger als einen Tag im Voraus geplant, weil wir beide festgestellt hatten, dass die Vorfreude auf etwas Spontanes größer war als die auf etwas fest Vereinbartes. Manchmal trafen wir uns nur für eine halbe Stunde am Museumsufer, tranken einen Kaffee im Stehen und gingen dann wieder in verschiedene Richtungen zu unseren jeweiligen Kanzleien und Büros, und selbst diese kurzen Momente reichten, um den ganzen restlichen Tag anders zu färben.
Meine Tochter, die ich kaum eingeweiht hatte, rief eines Abends überraschend an, aus London, nur um zu fragen, ob mit mir alles in Ordnung sei, weil ich ihr in einer Nachricht ein Foto vom Apfelweinglas geschickt hatte, ohne Kommentar, und das war für sie offenbar ungewöhnlich genug, um sich Sorgen zu machen. Ich erzählte ihr von Robert, vorsichtig zunächst, und sie lachte am Ende nur und sagte: „Mama, du klingst wie ich mit zwanzig. Ich finde das gut.“ Diese Bemerkung blieb mir länger im Kopf, als ich erwartet hatte, weil sie etwas traf, das ich selbst kaum zu formulieren gewagt hatte: dass ich mich zum ersten Mal seit Jahren nicht wie eine Frau am Ende einer Geschichte fühlte, sondern wie eine, die gerade ein neues Kapitel begonnen hatte.
An einem Freitagabend, als wir wieder im selben Apfelweinladen in der Frankensteiner Straße saßen, an demselben Tisch wie beim ersten Mal, fragte mich Robert, ob ich mir vorstellen könnte, dass aus diesen spontanen Abenden irgendwann etwas Regelmäßigeres würde, ohne dass es an Reiz verlieren müsste. Ich dachte an meine zwanzig Jahre im Bankenviertel, an all die Kalenderwochen ohne eine einzige Lücke, und antwortete, dass ich mir vorstellen könne, beides zu haben: einen Menschen, auf den ich mich verlassen konnte, und trotzdem das Gefühl, dass jeder Abend mit ihm eine kleine, freiwillige Entscheidung blieb und keine Pflicht. Er nickte, bestellte noch ein Glas Ebbelwoi, und wir sahen zu, wie die Lichter von Sachsenhausen langsam angingen, während die Skyline hinter dem Main sich im letzten Tageslicht verfärbte.







