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Vier Wörter vor der blauen Stunde

Julia, 45 · Berlin

Um kurz nach acht piepte mein Handy, während ich noch im Bademantel am Küchentisch saß und den ersten Kaffee trank. „Guten Morgen. Ich habe die ganze Nacht an dein Lachen im Profilbild gedacht. Hast du heute Abend schon etwas vor?“ Ich starrte auf den Bildschirm, als könnte er mir erklären, warum mein Puls plötzlich schneller ging. Sein Name war Thomas, achtundvierzig, Möbelrestaurator mit einer Werkstatt irgendwo in Moabit. Wir hatten vor zwei Tagen angefangen zu schreiben, ein paar kurze Sätze, etwas Ironie, nichts Ernstes. Und jetzt das. Heute Abend.

Ich bin Julia, fünfundvierzig, seit sieben Jahren Moderatorin einer Nachmittagssendung bei einem Berliner Radiosender, und ich hatte gelernt, in Sekunden zu entscheiden, ob ein Gast, ein Thema, ein Anruf lebendig war oder tot. Diese Nachricht war lebendig. Ich tippte „Vielleicht“ und löschte es wieder. Dann schrieb ich: „Ich habe Zeit. Kein Programm, keine Erwartung.“ Er antwortete sofort mit einem einzigen Wort: „Perfekt.“ Ich legte das Handy weg, ging unter die Dusche und merkte, dass ich lächelte, während mir das Wasser über die Schultern lief, als hätte jemand in mir ein Licht angeknipst, das ich für ausgeschaltet gehalten hatte.

Den ganzen Vormittag über, während ich im Studio Nachrichten über Stau auf der A100 und ein neues Café in Moabit vorlas, dachte ich an nichts anderes. Meine Kollegin Bine bemerkte es in der Werbepause. „Du grinst wie eine Siebzehnjährige“, sagte sie. „Was ist los?“ Ich erzählte ihr nichts, nur dass ich abends noch etwas vorhatte. Sie zog eine Augenbraue hoch und sagte nichts weiter, aber ihr Blick sagte alles. Nach der Sendung fuhr ich nicht wie sonst direkt zur Wohnung in der Bleibtreustraße, sondern schlenderte über den Ku'damm, kaufte mir ein neues Kleid, dunkelgrün, ohne nachzudenken, wie ich es seit Jahren nicht mehr getan hatte.

Wir hatten uns für halb acht am Savignyplatz verabredet, unter den Bögen der S-Bahn, wo die kleinen Buchhandlungen ihre Lichter schon angeschaltet hatten. Ich kam fünf Minuten früher, was ich sonst nie tue, und setzte mich auf eine Bank, um die Straße zu beobachten, die Fahrräder, die Kellner, die Tische, die vor den Restaurants aufgestellt wurden. Als er aus der Schlüterstraße kam, groß, mit einer Lederschürze noch über der Schulter, weil er direkt aus der Werkstatt kam, wusste ich, dass ich richtig entschieden hatte. Er hatte Sägemehl im Haar, entschuldigte sich dafür, und ich sagte, es rieche nach etwas Ehrlichem, nach Arbeit, nach Holz.

Wir gingen in ein kleines Restaurant in der Kantstraße, eng, mit rot-weißen Tischdecken und einer Kellnerin, die uns wie alte Bekannte behandelte, obwohl wir nie zuvor dort gewesen waren. Zwischen der Vorspeise und dem Hauptgang erzählte er von einem Sekretär aus den Zwanzigerjahren, den er gerade restaurierte, von der Geduld, die es brauchte, altes Furnier zu retten, ohne es zu zerstören. Ich erzählte von einem Interview, das ich einmal mit einer neunzigjährigen Widerstandskämpferin geführt hatte, und wie ihre Stimme im Studio gezittert hatte, als sie von 1943 sprach. Wir redeten, als hätten wir Zeit gespart, viele Jahre lang, nur für diesen einen Abend.

„Warum heute Abend?“, fragte ich irgendwann. „Warum nicht erst nächste Woche, mit Plan, mit Vorbereitung?“ Er lehnte sich zurück und sah mich lange an. „Weil ich fünfzig werde in zwei Jahren“, sagte er, „und ich keine Lust mehr habe, Dinge auf später zu verschieben, die sich jetzt richtig anfühlen. Meine Frau ist vor drei Jahren gegangen, weil ich zu lange gewartet habe, mit allem. Ich warte nicht mehr.“ Ich schwieg einen Moment, weil auch ich mein halbes Leben mit Warten verbracht hatte, auf die richtige Zeit, auf die Kinder, die aus dem Haus waren, auf einen Mut, den ich mir nie erlaubt hatte.

Nach dem Essen schlugen wir vor, noch ein Stück zu gehen, und ohne es abzusprechen, bewegten sich unsere Schritte in Richtung Lietzensee. Der Park war um diese Stunde fast leer, nur ein Jogger, ein Paar mit einem Hund, die Lichter der Uferwohnungen, die sich im schwarzen Wasser spiegelten. Wir setzten uns auf eine Bank am Wasser, und er legte seine Jacke über meine Schultern, obwohl es gar nicht kalt war. Ich glaube, es ging ihm nicht um die Kälte. Es ging darum, etwas zu tun, etwas zu geben, weil Worte plötzlich zu klein wurden für das, was zwischen uns entstanden war.

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„Ich habe Angst, dass ich dich morgen anders sehe“, sagte ich, ehrlicher, als ich es geplant hatte. „Dass das hier nur die Magie einer einzigen Nacht ist.“ Er nahm meine Hand, drehte sie um, betrachtete sie, wie er wohl ein altes Stück Holz betrachtete, auf der Suche nach dem, was darunter verborgen lag. „Dann lass uns die Magie einer einzigen Nacht nehmen“, sagte er, „und schauen, ob morgen noch etwas davon übrig ist. Mehr müssen wir heute nicht entscheiden.“ Ich fand, das war der klügste Satz, den mir seit Jahren jemand gesagt hatte, und ich küsste ihn, dort auf der Bank, mit dem Lietzensee als einzigem Zeugen.

Wir gingen zu ihm, in eine Wohnung über der Werkstatt in der Wilmersdorfer Straße, die nach Leinöl und frisch gehobeltem Holz roch, mit Werkzeugen an der Wand wie Bilder in einer Galerie. Er zeigte mir den Sekretär, halb fertig, mit einer Schublade, die noch nicht ganz schloss. Dann zeigte er mir nichts mehr, und ich zeigte ihm auch nichts mehr, und was zwischen uns geschah, gehört nur uns beiden, in einem Zimmer, in dem durch die Vorhänge das orangefarbene Licht einer Straßenlaterne fiel und alles in eine Farbe tauchte, die ich seither mit seinem Namen verbinde.

Am nächsten Morgen wachte ich auf, bevor der Wecker klingelte, und lag eine Weile da, hörte die Straßenbahn draußen und roch das Sägemehl, das sich irgendwie überall in dieser Wohnung befand. Er schlief noch, die Hand auf meiner Hüfte, als wollte er sichergehen, dass ich nicht heimlich verschwand. Ich dachte an seinen Satz vom Vorabend, an die Magie einer einzigen Nacht, und stellte fest, dass sie noch da war, nicht kleiner geworden über Nacht, sondern anders, ruhiger, wie ein Feuer, das nicht mehr lodert, aber immer noch wärmt.

Als ich ging, um pünktlich ins Studio zu kommen, schrieb er mir schon, bevor ich unten an der Haustür war. „Heute Abend?“, stand da, nichts weiter. Ich lachte laut auf der Straße, was mir seit Jahren nicht passiert war, morgens, allein, vor einer Bäckerei in der Kantstraße. Ich tippte zurück: „Heute Abend.“ Und ich dachte, während ich zur U-Bahn ging, dass ich vielleicht mein Leben lang gedacht hatte, spontan sei das Gegenteil von klug. Jetzt wusste ich es besser. Manchmal ist es das Klügste, das man an einem Tag tun kann.

In der Sendung an diesem Nachmittag versprach ich mich zweimal, las die Verkehrsmeldungen in der falschen Reihenfolge und musste über eine Hörerfrage lachen, die eigentlich ernst gemeint war. Der Toningenieur klopfte an die Scheibe und formte mit den Lippen ein „Alles okay?“, und ich nickte, obwohl nichts an diesem Tag okay im gewohnten Sinn war, sondern besser. Bine wartete nach der Sendung schon mit zwei Kaffeebechern vor der Studiotür und wollte alles wissen, jedes Detail, den Namen, das Restaurant, den Lietzensee. Ich erzählte nur die Hälfte und genoss, wie sehr ihre Neugier mich daran erinnerte, dass ich wieder eine Geschichte hatte, die es wert war, erzählt zu werden.

Wir sahen uns in den folgenden zwei Wochen fast jeden Abend, mal in seiner Werkstatt, wo ich lernte, wie man eine Furnierkante mit heißem Bügeleisen glättet, mal in meiner Wohnung, wo er ein Regal reparierte, das seit dem Umzug schief in der Ecke stand, ohne dass ich ihn darum gebeten hätte. Es blieb spontan, absichtlich. Wir vereinbarten nie etwas für übermorgen, nur für heute, manchmal erst um sechs Uhr abends, mit einer Nachricht, die genauso kurz war wie die allererste. Ich merkte, dass mir dieses Fehlen von Plänen mehr Sicherheit gab als jeder feste Kalendereintrag es je getan hatte, weil jede Verabredung eine echte Entscheidung war und keine Gewohnheit.

An einem Sonntagmorgen, drei Wochen nach dem ersten Abend, standen wir wieder am Savignyplatz, dort, wo alles begonnen hatte, und kauften Brötchen für ein Frühstück, das wir am Lietzensee aßen, auf derselben Bank. Thomas hatte Sägemehl an den Fingerspitzen, wie immer, und ich hatte inzwischen aufgehört, mein Handy morgens sofort zu prüfen, weil ich wusste, dass die einzige Nachricht, auf die ich wirklich wartete, ohnehin von ihm kommen würde, wann immer er Zeit fand. Ich dachte an mein altes Leben, an all die Abende, die ich mit dem Gefühl verbracht hatte, dass etwas fehlte, ohne genau zu wissen, was. Jetzt wusste ich es. Es fehlte der Mut, vier Worte am Morgen ernst zu nehmen.

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