Drei Uhr morgens in der Spinnerei
Franziska, 52 · Leipzig
Es ist kurz nach sechs am Morgen, und ich sitze mit einem Kaffee auf der Fensterbank meiner Wohnung in Gohlis und schreibe das hier auf, bevor ich es mir anders erzähle, bevor die Nacht in meiner Erinnerung zu etwas Vernünftigem zusammenschrumpft, was sie nicht war. Draußen ist es noch dunkel, nur die Straßenlaterne vor meinem Fenster brennt, und irgendwo bellt ein Hund, den ich sonst nie höre, weil ich um diese Zeit sonst nie wach bin.
Gestern Abend war die Vernissage in der Spinnerei, meiner Galerie im dritten Hinterhof, zwischen den alten Fabrikhallen in Plagwitz, wo einst die Spindeln liefen und jetzt Leinwände an den Backsteinwänden lehnen. Ein neuer Künstler, sechsundzwanzig, aus Halle, hat seine erste Ausstellung bei mir gezeigt, und ich war seit Wochen nur noch Organisatorin, keine Frau, nur eine Funktion zwischen Katalogen und Weinkisten, zwischen Presseeinladungen und der Angst, dass niemand kommt.
Ich habe diese Galerie vor zwölf Jahren gegründet, mitten in der Finanzkrise, als alle mir sagten, dass Kunst in Leipzig keine Zukunft habe, und ich habe ihnen bewiesen, dass sie sich irren. Seither habe ich kaum Zeit für etwas anderes gefunden, schon gar nicht für mich selbst, für Männer, für Abende, die nicht mit einer Tabellenkalkulation enden. Meine letzte Beziehung ist fast vier Jahre her, ein Kollege aus Berlin, der irgendwann keine Lust mehr hatte, jedes zweite Wochenende in den Zug zu steigen. Meine Mutter fragt bei jedem Telefonat, ob es „endlich wieder jemanden gibt", und ich antworte jedes Mal ausweichend, weil ich selbst nicht mehr weiß, ob ich noch daran glaube, dass sich das für mich, mit zweiundfünfzig, in dieser Stadt voller junger Kreativer und noch jüngerer Studenten, überhaupt noch ändern kann. Meistens lege ich das Telefon danach einfach weg und öffne den nächsten Katalog, weil das leichter ist als die Antwort zu suchen.
Er kam gegen acht, ein Freund des Künstlers, dreißig vielleicht, mit einer Kamera um den Hals, die er nicht benutzte. Er blieb lange vor einem der Bilder stehen, einem großen, unfertig wirkenden Ölgemälde, und ich trat neben ihn, aus Gewohnheit, um zu erklären, was ich zu allen sage. Bevor ich anfangen konnte, sagte er: „Ich glaube, Sie haben mehr Angst vor diesem Bild als ich." Ich lachte, zu laut für den Raum, und er lachte mit, und irgendetwas in mir, das seit Jahren geschlafen hat, wachte in diesem Moment auf.
Wir redeten, während um uns herum die Vernissage weiterlief, über Farbe, über Angst, über das Alter, das er ansprach, bevor ich es tun musste: „Ich weiß, ich bin jünger, aber ich rede nicht mit Ihnen, weil Sie älter sind, sondern weil Sie das Einzige im Raum sind, das mich nicht langweilt." Ich hätte gehen sollen, zurück zu meinen Gästen, zu meinem Job, zu der Liste mit Namen, die ich noch abhaken musste. Ich blieb.
Eine befreundete Künstlerin zog vorbei, hob eine Augenbraue, sagte nichts, und ich wusste, dass sie es später kommentieren würde, aber in diesem Moment war mir das gleich. Er fragte nach meiner Meinung zu seinem eigenen Bildausschnitt auf der Kamera, ich schaute hindurch, und unsere Köpfe waren näher beieinander, als es für eine erste Begegnung üblich ist.
Willst du so etwas selbst erleben, und zwar bald?
Die Frauen aus diesen Geschichten haben nicht lange gefackelt. Registrier dich anonym, gib deine Stadt ein und schreib die erste Nachricht, am besten gleich jetzt.
Jetzt reife Frauen treffenEin Sammler aus Köln, der schon zweimal etwas bei mir gekauft hat, unterbrach uns kurz, um nach dem Preis eines kleineren Werks zu fragen, und ich merkte, wie ungeduldig ich mit ihm war, wie sehr ich zurückwollte zu diesem Gespräch über Angst und Farbe, das mich mehr beschäftigte als jeder Verkauf des Abends.
Als die letzten Gäste gegangen waren, halfen wir beide, die Gläser einzusammeln, und er fragte, ob ich Hunger hätte, ohne Umschweife, ohne die Frage in etwas Größeres zu verpacken. Wir liefen die Karli entlang, die um diese Zeit noch voller Menschen ist, vorbei an den Bars, in denen Studenten stehen, die halb so alt sind wie ich, und aßen an einem Imbiss zwei Portionen Falafel im Stehen, während er mir erzählte, dass er eigentlich Architektur studiert und die Fotografie nur nebenbei macht.
Ich erzählte ihm von meiner Galerie, von den zwanzig Jahren, die ich gebraucht habe, um sie aufzubauen, von der Scheidung, die mich fast die Räume gekostet hätte, und er hörte zu, wirklich zu, nicht wie jemand, der nur wartet, bis er selbst wieder reden darf. Kein Vergleich mit den Männern meines Alters, die auf den wenigen Dates der letzten Jahre entweder erschöpft von ihren eigenen Scheidungen waren oder mir erklären wollten, wie der Kunstmarkt wirklich funktioniert, als hätte ich nicht selbst zwei Jahrzehnte darin verbracht. Er stellte nur Fragen, eine nach der anderen, als wäre ich das interessanteste Ausstellungsstück des Abends, ohne dass sich das jemals aufgesetzt oder einstudiert anfühlte, wie es bei jüngeren Männern manchmal wirkt, wenn sie eine ältere Frau beeindrucken wollen. Ein Straßenbahnwagen der Linie zehn ratterte vorbei, und er zog mich kurz am Arm auf den Gehweg zurück, näher an sich, ohne dass es nötig gewesen wäre, und keiner von uns machte den Schritt wieder zurück.
Ich hatte diese Nacht nicht geplant, nicht einmal im Ansatz, ich hatte eine Vernissage geplant, einen Katalog, eine Pressemitteilung. Aber als er fragte, ob ich noch einen Kaffee bei ihm trinken wollte, in seiner Wohnung am Bayerischen Bahnhof, sagte ich ja, ohne die Frage lange abzuwägen, ohne die Stimme in meinem Kopf zu hören, die sagt, dass Frauen in meinem Alter das nicht mehr einfach so tun.
Was in den Stunden danach geschah, in einer WG-Küche mit zu vielen Pflanzen und einer Matratze auf dem Boden statt einem Bett, gehört mir und ihm, und ich werde es hier nicht ausbreiten, weil manche Dinge ihre Kraft verlieren, wenn man sie in Worte zwingt. Es gab kein grelles Licht, nur eine kleine Lampe auf dem Boden, die wir beide nicht ausgeschaltet haben, und eine Stille zwischendurch, in der ich nichts beweisen musste – ein Zustand, den ich seit Jahren nicht mehr kannte. Ich erinnere mich an sein Lachen, an die Art, wie er meinen Namen sagte, als hätte er ihn schon lange gekannt, und an das Gefühl, zum ersten Mal seit Jahren nicht die Ältere im Raum zu sein, sondern einfach eine Frau, die etwas will und es sich nimmt.
Gegen fünf bin ich aufgestanden, leise, habe meine Kleider gesucht zwischen seinen Büchern über Bauhaus-Architektur, und er ist halb wach geworden, hat nach meiner Nummer gefragt, die ich ihm schon am Abend gegeben hatte, als hätte er es vergessen, oder als wollte er nur, dass ich noch einmal weiß, dass es kein Zufall war.
Ich bin zu Fuß nach Hause gelaufen, durch den Clara-Zetkin-Park, in dem die ersten Jogger schon unterwegs waren, und habe mich dabei erwischt, wie ich gelächelt habe, ganz allein, wie ein Teenager, der gerade etwas Verbotenes getan hat. Vielleicht schreibe ich ihm heute Abend. Vielleicht ruft er mich an. Ich weiß es nicht, und zum ersten Mal seit langer Zeit macht mir das nichts aus, denn die Nacht war genug, so wie sie war, ganz aus sich selbst heraus, ohne dass ich sie geplant hätte. Vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen zweiundzwanzig und zweiundfünfzig: dass man mit zweiundfünfzig endlich versteht, dass ein einziger Abend nicht weniger wert ist, nur weil er nicht in eine Geschichte mit Zukunft mündet, sondern für sich selbst genug sein darf. Und während ich jetzt diesen Kaffee trinke, auf meiner Fensterbank in Gohlis, weiß ich, dass ich morgen wieder in die Spinnerei gehe, die Bilder abhänge, den nächsten Katalog plane, aber mit einem Lächeln, das nichts mit der Kunst zu tun hat, sondern nur mit einem Satz über ein Bild, das mir angeblich mehr Angst gemacht hat als ihm.







