Die Zahl am Gärtnerplatz
Claudia, 44 · München
Claudia zählte nicht mehr mit, wie oft sie die Nachricht schon gelesen hatte, bevor sie überhaupt antwortete. „Ich weiß, du bist skeptisch wegen der Zahl. Ich bin es auch, ein bisschen. Aber ich hätte trotzdem gerne einen Kaffee mit dir.“ Er hieß Elias, dreißig, arbeitete als Grafiker für eine kleine Agentur am Gärtnerplatz, und in seinem Profil stand offen, ehrlich, fast trotzig: dreißig Jahre alt. Claudia war vierundvierzig, Galeristin mit einem eigenen Raum in der Reichenbachstraße, seit zwei Jahren geschieden, und sie hatte sich fest vorgenommen, keine Nachrichten von Männern zu beantworten, die jünger waren als ihr eigener Bruder. Und trotzdem tippte sie: „Heute Nachmittag? Ich habe ab drei Zeit.“
Sie trafen sich in einem kleinen Café mit runden Marmortischen, direkt am Gärtnerplatz, wo Studenten und Rentnerinnen sich die wenigen Sonnenplätze teilten. Elias kam in einem zerknitterten Leinenhemd, mit einer Kamera um den Hals, die er, wie er zugab, eigentlich nur mitnahm, um cool zu wirken. Diese Ehrlichkeit entwaffnete Claudia sofort, mehr als jedes geschliffene erste Kompliment es getan hätte. Sie bestellten beide einen Cappuccino, und er fragte nach fünf Minuten unumwunden: „Denkst du die ganze Zeit an mein Alter?“ Sie lachte, überrascht von der Direktheit, und gestand: „Ich habe seit heute Morgen an nichts anderes gedacht.“
„Ich auch nicht“, sagte er, „aber vielleicht aus einem anderen Grund. Ich denke daran, wie souverän du bist. Frauen in meinem Alter erklären mir ständig, was sie fühlen, noch bevor sie es überhaupt fühlen. Du hast mir in deinem Profil nur ein Bild von einer Ausstellung gezeigt und einen Satz über Rothko geschrieben. Das war mehr, als die meisten in zehn Nachrichten schaffen.“ Claudia spürte, wie die Zahl in ihrem Kopf, dreißig, langsam ihre Kanten verlor. Sie erzählte ihm von der Galerie, von einem jungen Bildhauer, den sie gerade entdeckt hatte, von der Angst, die jede Vernissage in ihr auslöste, egal wie oft sie schon eine organisiert hatte.
Nach dem Kaffee schlug er einen Spaziergang vor, entlang der Isar, vom Gärtnerplatzviertel über die Reichenbachbrücke bis zu den Kiesbänken, wo Studenten grillten und ein Mann mit einem Hund im flachen Wasser stand. Sie zogen die Schuhe aus, gingen barfuß über die warmen Steine, und Claudia dachte, dass sie das seit Jahren nicht mehr getan hatte, einfach die Schuhe ausziehen, ohne Grund, ohne Plan. Elias erzählte von seiner Arbeit, von Kunden, die seine Ideen erst ablehnten und dann klauten, und sie erkannte in seiner Frustration etwas, das sie selbst mit vierundzwanzig gefühlt hatte, in ihrem ersten Job bei einer Kunststiftung, bevor sie den Mut fand, eigene Wege zu gehen.
„Was, wenn die Leute uns sehen?“, fragte sie schließlich, als sie auf einer Decke saßen, die er, wie sich herausstellte, immer im Rucksack trug, für genau solche Gelegenheiten. „Meine Assistentin ist neunundzwanzig. Sie würde denken, ich hätte den Verstand verloren.“ Elias zuckte mit den Schultern. „Meine Mutter ist achtundvierzig“, sagte er trocken, „falls du wissen willst, wie die Rechnung aussieht.“ Claudia schlug ihm scherzhaft gegen die Schulter, aber die Bemerkung saß, und für einen Moment fürchtete sie, alles zerstört zu haben. Doch er lächelte nur und sagte: „Ich habe das nicht gesagt, um dich zu verletzen. Ich habe es gesagt, weil es mir egal ist. Ich will wissen, wie es ist, mit dir zu reden, nicht, wie alt du bist.“
Die Sonne stand schon tief über den Türmen von Sankt Maximilian, als sie beschlossen, noch nicht nach Hause zu gehen. Sie kauften Wein in einem kleinen Laden in der Klenzestraße und setzten sich auf die Stufen eines Hinterhofs, den Elias von früheren Streifzügen kannte, mit Efeu an den Wänden und einem Brunnen, der leise plätscherte. Zwischen zwei Gläsern erzählte Claudia von ihrer Ehe, von einem Mann, der ihre Karriere immer „das kleine Hobby“ genannt hatte, bis die Galerie mehr verdiente als seine Kanzlei, und wie befreiend die Trennung trotz allem gewesen war. Elias hörte zu, ohne zu unterbrechen, mit einer Aufmerksamkeit, die sie bei gleichaltrigen Männern selten erlebt hatte, die zu oft schon die nächste eigene Geschichte im Kopf hatten, während sie noch redete.
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Jetzt reife Frauen treffenAls es dunkel wurde, fragte er, ob sie noch einen Absacker bei ihm trinken wolle, in seiner Wohnung im Glockenbachviertel, keine zehn Minuten zu Fuß. Claudia zögerte, nicht aus Anstand, sondern weil sie spürte, dass ein Ja hier etwas anderes bedeutete als früher, keine Ausnahme, keinen Ausrutscher, sondern eine echte Entscheidung, sich auf etwas einzulassen, das sie nicht kontrollieren konnte. „Ja“, sagte sie schließlich, „aber ich warne dich, ich bin schrecklich in Sachen Small Talk nach Mitternacht.“ „Gut“, sagte er, „dann reden wir eben nicht.“
Seine Wohnung war klein, voller Fotobücher und halb aufgehängter Bilder, die er, wie er erklärte, seit Monaten aufhängen wollte. Sie half ihm, eines davon endlich gerade an die Wand zu setzen, was zu Gelächter führte, weil keiner von beiden eine Wasserwaage besaß und sie am Ende nach Augenmaß entschieden. Was danach zwischen ihnen geschah, in einem Zimmer, das nach Entwicklerchemikalien und offenem Fenster roch, während unten in der Straße jemand Fahrrad fuhr und pfiff, blieb ihr eigenes Geheimnis, eine Erinnerung, die sie sich weder erklären noch rechtfertigen musste.
Am nächsten Morgen ging sie zu Fuß zur Galerie, an der Isar entlang, in denselben Schuhen, die sie am Vortag am Kiesufer ausgezogen hatte, und dachte an die Zahl, die ihr am Morgen zuvor noch wie eine Wand vorgekommen war. Sie war nicht verschwunden. Aber sie war kleiner geworden, unwichtiger, ein Detail unter vielen, verglichen mit der Art, wie er ihr zugehört hatte, am Gärtnerplatz, an der Isar, im Hinterhof mit dem Brunnen. Als sie ihre Galerie aufschloss, piepte ihr Handy. „Kaffee war gut“, stand da. „Aber ich glaube, ich brauche bald noch einen.“ Claudia lächelte und schrieb zurück, ohne zu zögern: „Morgen um drei?“
Die neunundzwanzigjährige Assistentin, von der Claudia am Vortag noch gesprochen hatte, fragte tatsächlich nach, warum ihre Chefin an diesem Montag so viel lächelte und dabei ständig aufs Handy schaute, als würde jeden Moment eine wichtige Nachricht kommen. Claudia überlegte kurz, ob sie ausweichen sollte, entschied sich dann aber für die Wahrheit, halb aus Trotz, halb weil sie es selbst noch einmal aussprechen wollte. „Ich treffe jemanden“, sagte sie, „er ist jünger als du.“ Die Assistentin blinzelte, lachte dann aber und sagte nur: „Solange er dich glücklich macht, ist mir das Alter herzlich egal. Ich hätte nur nie gedacht, dass ausgerechnet du dich darauf einlässt.“ Claudia fand, das war ungefähr die Reaktion, die sie sich erhofft hatte, ohne es zuzugeben.
In den folgenden Wochen trafen sie sich immer wieder am Nachmittag, nie mit langer Vorplanung, meist an demselben runden Marmortisch am Gärtnerplatz, manchmal an der Isar, einmal sogar im Englischen Garten, weil Elias behauptete, dort das beste Licht für Fotos zu finden. Claudia gewöhnte sich daran, dass ihr Handy an bestimmten Nachmittagen einfach vibrierte, mit einem einzigen Wort, „Zeit?“, und dass sie fast immer Zeit fand, selbst wenn eigentlich keine da war. Ihre Galerie litt nicht darunter, im Gegenteil: Sie traf schnellere Entscheidungen, weniger aus Angst, mehr aus Instinkt, und ein Kritiker schrieb sogar, ihre neueste Ausstellung habe eine Leichtigkeit, die ihren früheren Kuratierungen gefehlt habe.
An einem Abend, als sie wieder in seiner kleinen Wohnung im Glockenbachviertel saßen, zwischen den halb aufgehängten Fotografien, fragte Elias unvermittelt: „Was, wenn ich in fünf Jahren immer noch hier sitze und du dann fast fünfzig bist? Macht dir das Angst?“ Claudia dachte lange nach, bevor sie antwortete. „Mehr Angst macht mir der Gedanke, dass ich diese fünf Jahre aus Angst vor der Zahl gar nicht erst erlebt hätte“, sagte sie schließlich. „Der Rest ergibt sich, oder er ergibt sich nicht, aber ich will es wenigstens versucht haben.“ Er nahm ihre Hand über den Tisch, wortlos, und draußen bimmelte eine Straßenbahn vorbei, als würde die Stadt selbst ihre Entscheidung besiegeln.







