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Der Morgen im Bohnenviertel

Sabine, 45 · Stuttgart

Um Viertel nach sieben stehe ich mit dem Schlüsselbund vor meiner Weinstube in der Weberstraße im Bohnenviertel, und das Handy vibriert in der Manteltasche, noch bevor ich das Rollo hochgezogen habe. Eine Nachricht, ein einziger Satz: „Ich habe deinen Wein probiert, ohne dich zu kennen, und jetzt will ich beides zusammen." Ich lache allein vor der Tür, und die Bäckerin gegenüber schaut kurz von ihren Blechen auf.

Er heißt Matthias, achtundvierzig, wohnt drüben in Heslach, mit dem Rad zwölf Minuten, was in dieser Stadt praktisch nebenan bedeutet. Ich tippe zurück, während ich die Kisten mit dem Trollinger in den Verkaufsraum trage, beiläufig, so wie man eine Frage stellt, die einem eigentlich wichtig ist: „Heute Abend, sieben Uhr, am Marktplatz?" Er antwortet, noch bevor ich die Kasse aufgeschlossen habe. Zusage, ohne Zögern, ohne die drei Tage Bedenkzeit, die ich aus anderen Jahren kenne, aus einer Ehe, die ich vor zwei Jahren beendet habe, und aus Verabredungen, die man am Ende doch wieder absagt.

Den ganzen Vormittag über bediene ich Kundinnen, fülle Regale nach, öffne eine neue Kiste Lemberger, und zwischendurch, immer wieder, dieses kurze Ziehen im Bauch, das ich seit Jahren kaum noch gespürt habe. Eine Stammkundin fragt, warum ich andauernd auf mein Handy schaue, und ich sage nur, dass ich heute Abend jemanden treffe, ganz in der Nähe, und sie lacht und meint, das täte mir sichtlich gut.

Seit zwei Jahren führe ich die Weinstube allein, seit mein Mann ausgezogen ist und mit ihm die Vorstellung, dass man mit fünfundvierzig noch einmal von vorn beginnen könnte. Ich habe die Straußenwirtschaft von meinen Eltern übernommen, die Regale neu gestrichen, die Karte auf junge Winzer aus dem Remstal umgestellt, und die meiste Zeit reicht mir das: der Geruch von Holzfässern, die Stammkunden, die immer dieselben Geschichten erzählen. Aber an manchen Morgen, wie diesem, merke ich, wie sehr mir das andere fehlt, das Kribbeln vor einer Verabredung, das ich für endgültig verloren geglaubt hatte.

Um halb sieben schließe ich ab, ziehe das rote Kleid an, das im Hinterzimmer an einem Haken hängt, seit Wochen, für genau so einen Anlass, und laufe die zehn Minuten über den Karlsplatz zum Café am Marktplatz, vorbei am Rathaus, dessen Fassade in der Abendsonne fast golden wirkt. Matthias sitzt schon da, ein Kaffee vor sich, den er nicht angerührt hat, und steht auf, als er mich sieht, zu schnell, fast stolpernd über den Stuhl.

Wir bestellen zwei Espresso, reden über seinen Job als Statiker, über meine Weinstube, über die Kinder, die er hat und ich nicht, über die Ehen, die wir beide beendet haben. Keine Ausreden, keine Schönfärberei, keine Liste von Erwartungen, die man erst nach drei Dates erfährt. Er fragt, ob ich Hunger habe, und ich sage, dass ich lieber laufe, hoch zur Karlshöhe, um die Stadt von oben zu sehen, solange es noch hell ist.

Wir gehen durch die Kernerstraße, dann die Stufen hinauf, mein Atem geht schneller, nicht nur wegen der Steigung, und oben, zwischen den Bäumen, liegt Stuttgart in diesem Talkessel, den man von hier aus ganz erfasst, die Türme des Rathauses, der Fernsehturm weit hinten, die Weinberge am Hang, die im letzten Licht fast violett schimmern. Er legt seine Hand auf meinen Rücken, kurz, fragend fast, und ich lehne mich zurück, nicht weg. Eine Weinbergschnecke kriecht über den Weg, und er lacht, weil ich beinahe drauftrete, und in diesem Lachen liegt etwas so Unkompliziertes, dass ich vergesse, auf die Uhr zu schauen, obwohl ich es sonst immer tue, aus Gewohnheit, aus der Angst, zu lange irgendwo zu bleiben, wo man nicht gebraucht wird.

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„Ich dachte, Frauen, die eine eigene Weinstube führen, hätten keine Zeit für Spontanes", sagt er, während wir weitergehen, und ich antworte, dass ich mir diese Zeit heute einfach genommen habe, ohne jemanden zu fragen, was für mich selbst ungewohnt genug ist, um es laut auszusprechen. Er nickt, als würde er genau das verstehen, ohne dass ich es erklären müsste.

Als die Sonne weg ist, schlage ich vor, zurück ins Bohnenviertel zu gehen, in meine eigene Straußenwirtschaft, die um diese Zeit schon geschlossen hat, aber ich habe den Schlüssel. Wir sitzen allein zwischen den leeren Tischen, ich öffne eine Flasche Lemberger, die ich noch nicht verkaufen wollte, und schenke uns zwei Gläser ein, ohne Etikett, ohne Preis, ohne dass irgendjemand von uns beiden mitzählt, wie viel das kostet.

Er fragt nicht, was ich mir von diesem Abend erwarte, und das ist es, was mir gefällt: keine Erwartung, die größer ist als der Moment selbst. Wir reden über die Straßen hier draußen, über die schiefen Fachwerkhäuser, über die Zeit, als das Viertel noch das Gerberviertel hieß und nach Leder statt nach Wein roch, über die Handwerker, die hier einmal lebten, und die Künstler, die heute in denselben Häusern wohnen. Er erzählt, dass sein Großvater als Statiker beim Wiederaufbau des Neuen Schlosses mitgearbeitet hat, und ich zeige ihm eine alte Fotografie, die an meiner Wand hängt, das Viertel in den Fünfzigern, noch mit eingestürzten Fassaden, bevor es zu dem wurde, was es heute ist.

Irgendwann reden wir nicht mehr. Das Licht der Straßenlaterne fällt schräg durch das kleine Fenster, wirft Schatten auf die Regale mit den Flaschen, und die Stille zwischen uns ist nicht unangenehm, sie ist genau richtig. Was danach passiert, gehört uns beiden allein, im Hinterzimmer meiner Weinstube, zwischen Kisten und dem Geruch von Eichenfass, mit der Tür abgeschlossen und dem Handy stumm geschaltet.

Ich erinnere mich an seine Hände, die zögerlicher waren als seine Worte, und an das Gefühl, zum ersten Mal seit Jahren nicht nachzudenken, sondern einfach da zu sein, in meinem eigenen Viertel, fünf Gehminuten von meinem Bett und zwei Stunden von der ersten Nachricht entfernt. Kein Gedanke an morgen, kein Blick auf die Uhr, nur der Wein, der lauwarm wird, weil keiner von uns danach greift.

Er bleibt bis kurz vor Mitternacht, dann ruft ihn ein Nachbar an, wegen eines Wasserschadens, und er entschuldigt sich, fast verlegen, als hätte er etwas falsch gemacht, weil die Nacht zu Ende geht. Ich sage ihm, dass es genau richtig war, so wie es war, nicht länger, nicht kürzer. Er küsst mich an der Tür, lange, und fragt, ob wir uns wiedersehen, vielleicht am Wochenende, vielleicht früher, wenn ich Zeit finde zwischen den Lieferungen. Ich begleite ihn bis zur Ecke Hauptstätter Straße, wo er sein Rad angeschlossen hat, und wir stehen dort noch einen Moment, ohne etwas zu sagen, während in der Ferne die letzte Stadtbahn Richtung Heslach rattert.

Am nächsten Morgen, wieder um Viertel nach sieben, stehe ich mit dem Schlüsselbund vor der Tür, und die Bäckerin gegenüber winkt mir zu, als wüsste sie, dass sich etwas verändert hat. Ich öffne die Weinstube, räume die zwei Gläser vom Vorabend weg, die ich vergessen habe zu spülen, und stelle sie zurück ins Regal, mit einem Lächeln, das ich den ganzen Tag nicht loswerde. Die Bäckerin bringt mir gegen acht ein Brötchen vorbei, wie jeden Morgen, aber heute bleibt sie einen Moment länger stehen, mustert mich, und sagt nur: „Du siehst aus wie jemand, der letzte Nacht gut geschlafen hat." Ich widerspreche nicht.

Manchmal, denke ich, während ich die erste Kiste öffne, braucht eine Geschichte keine Wochen, um echt zu sein. Manchmal reicht ein Vormittag, ein Kaffee am Marktplatz und ein Blick von der Karlshöhe, um zu wissen, dass man weitermachen will, hier, in der Nähe, bei jemandem, der nicht wartet, bis es zu spät ist, um zu fragen. Matthias schreibt mir gegen Mittag, ein einziges Wort: „Donnerstag?" Ich antworte sofort, ohne zu zögern, mit einem Ja, das ich mir seit langer Zeit nicht mehr so leicht erlaubt habe.

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