Sechshundert Meter Neustadt
Franzi, 39 · Dresden
13:52 Uhr. Ich sitze am Restaurierungstisch in unserer Werkstatt in der Rothenburger Straße, ein aufgeschlagener Ledereinband vor mir, dessen Rücken sich löst wie eine alte Wunde, und höre mein Handy auf der Fensterbank vibrieren. Ich ignoriere es, weil der Leim in der Spritze gerade die richtige Temperatur hat und keine Pause verträgt. Erst als ich den Buchdeckel unter die Presse gelegt habe, wische ich mir die Hände an der Schürze ab und sehe nach. Eine neue Nachricht, ein Foto, ein Name: Tom. „600 Meter entfernt“, steht unter seinem Profil, direkt über dem kleinen grünen Punkt, der zeigt, dass er gerade online ist.
Ich heiße Franzi, bin neununddreißig, und ich restauriere seit zwölf Jahren alte Bücher und Papierarbeiten für Museen und private Sammler, in einem Hinterhaus in der Äußeren Neustadt, in dem es nach Leim, Leinöl und einer Spur von Schimmel riecht, den man nie ganz wegbekommt. Ich habe mir angewöhnt, spontane Dinge zu misstrauen. Papier, das man zu schnell trocknet, reißt. Aber seit ich vor drei Wochen geschieden bin, seit ich aus der Wohnung in Loschwitz in ein Zimmer über der Werkstatt gezogen bin, misstraue ich auch dem Gegenteil: allem, was ich zu lange plane, bevor ich es tue.
Mein Mann, Direktor eines Ingenieurbüros drüben in Blasewitz, hat unser gemeinsames Leben immer wie ein Restaurierungsprojekt behandelt, akribisch geplant, jeder Schritt dokumentiert, jede Entscheidung dreimal geprüft, bevor sie fiel. Am Ende hat mich das mehr erschöpft als die Ehe selbst. Als ich auszog, nahm ich nur zwei Koffer und meine Werkzeugkiste mit, und ich habe seither das Gefühl, dass ich mir selbst wieder das Recht zurückerobern muss, etwas zu tun, bevor ich es zu Ende gedacht habe. Die App auf meinem Handy habe ich mir vor zwei Wochen aus einer Mischung aus Trotz und Neugier installiert, ohne wirklich zu erwarten, dass etwas daraus wird.
„Hast du in den nächsten zwei Stunden Zeit für einen Kaffee?“, schreibt er. Ich sehe auf die Uhr, dann auf den Terminplan, der an der Pinnwand hängt. Der Kunde, der um drei Uhr sein restauriertes Familienalbum abholen sollte, hat vor einer Stunde abgesagt, seine Tochter liegt mit Fieber im Bett. Zwei freie Stunden an einem Dienstagnachmittag im September, mitten in der Woche, ohne dass ich sie mir hätte erklagen müssen. Ich schreibe zurück, ohne lange nachzudenken, was für mich fast schon ein kleiner Akt der Rebellion ist: „Ja. In zwanzig Minuten, Kunsthofpassage?“
Er antwortet mit einem einzigen Wort, „Perfekt“, und einem Ort, den er teilt, ein blauer Punkt, der sich auf der Karte kaum von meinem eigenen unterscheidet. Sechshundert Meter. Ich könnte die Strecke schlafwandelnd gehen, an der Bäckerei in der Alaunstraße vorbei, an dem Copyshop, der nachts nie zumacht, an der Fassade mit dem Fahrraddrachen. Ich habe diesen Weg tausendmal genommen, aber nie mit dem Gedanken, dass am Ende ein Fremder auf mich wartet, der mich vielleicht in zwei Stunden wieder vergessen hat, oder eben nicht.
Ich ziehe die Schürze aus, wechsle die Bluse, die nach Leim riecht, gegen eine, die es nicht tut, und laufe los, ohne mir die Zeit zu nehmen, mich im Spiegel zu betrachten. Vor der Werkstatt ruft mir meine Kollegin Anett noch hinterher, ich solle das Familienalbum nicht vergessen, falls der Kunde doch noch kommt, und ich rufe zurück, dass ich in einer Stunde da bin, obwohl ich nicht weiß, ob das stimmt.
Im Hof der Elemente plätschert das Wasser über die glasierten Fliesen an der Fassade, ein paar Touristen fotografieren die Regenrinnen, und mitten in all dem Lärm sitzt ein Mann auf der Treppenstufe vor dem kleinen Kaffeeladen, die Ärmel hochgekrempelt, ein Notizbuch auf dem Knie, das er sofort zuklappt, als er mich sieht. Er ist größer, als ich dachte, mit einer Nase, die leicht schief ist, als sei sie einmal gebrochen worden, und einem Lächeln, das genau in dem Moment kommt, in dem ich beginne, mich zu fragen, ob das alles ein Fehler war.
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Jetzt reife Frauen treffen„Franzi“, sagt er, als probiere er den Namen zum ersten Mal laut aus. „Tom“, sage ich, „und ich habe genau eine Stunde und vierzig Minuten, bevor jemand ein Familienalbum abholen kommt, das vielleicht gar nicht kommt.“ Er lacht, ein Lachen, das durch den ganzen Hof hallt und ein paar Tauben aufschreckt. „Dann lass uns die Zeit nicht mit Kaffeekochen verschwenden“, sagt er und kauft zwei Becher zum Mitnehmen, bevor ich protestieren kann.
Wir gehen durch die Passagen, an den Spiegeln vorbei, die den Hof des Lichts in tausend Fragmente zerlegen, und er erzählt, dass er Landschaftsarchitekt ist, für ein Büro, das gerade einen Uferpark am anderen Elbufer plant, und dass er seit einem halben Jahr in der Neustadt wohnt, aber noch nie den Mut hatte, jemanden aus der Nachbarschaft anzuschreiben, weil er dachte, es sei zu einfach, zu nah, fast schon unfair gegenüber jemandem, der weiter weg wohnt und sich mehr Mühe gibt. „Aber du hast trotzdem geschrieben“, sage ich. „Ja“, sagt er. „Weil ich dachte, das Leben ist kurz genug für unfaire Vorteile.“
Ich erzähle ihm vom Ledereinband auf dem Tisch, von den zwölf Jahren, die ich brauchte, um zu lernen, wie man ein Buch öffnet, ohne seinen Rücken zu brechen, und davon, dass ich seit drei Wochen in einem Zimmer über der Werkstatt schlafe, weil ich alles andere für zu kompliziert hielt. Er hört zu, ohne mich zu unterbrechen, was mir seit Monaten niemand mehr zugetraut hat.
Wir laufen weiter bis zum Elbufer, zum Käthe-Kollwitz-Ufer, von dem aus man das Blaue Wunder in der Nachmittagssonne sieht, diese schlanke, grüne Brücke, die sich über den Fluss spannt wie eine Behauptung. Ein Ausflugsdampfer zieht träge in Richtung Loschwitz, und für einen Moment denke ich an meine alte Wohnung dort, an das Fenster, aus dem ich diese Brücke jeden Morgen sah, ohne sie wirklich anzusehen. Von hier, vom anderen Ufer aus, wirkt sie fremder und schöner zugleich, so wie vieles in den letzten Wochen. Wir setzen uns auf die Wiese, obwohl das Gras noch feucht ist vom Vormittagsregen, und trinken den längst kalten Kaffee, und irgendwann, ohne dass ich es geplant hätte, liegt mein Kopf an seiner Schulter, und niemand von uns beiden sagt etwas dazu.
16:47 Uhr. Mein Handy vibriert. Anett schreibt, der Kunde mit dem Familienalbum sei doch noch gekommen, sie habe es ihm gegeben, ich solle mir keine Sorgen machen. Ich zeige Tom die Nachricht, und er fragt, was das jetzt bedeute für den Rest des Nachmittags. „Es bedeutet“, sage ich, „dass ich erst morgen wieder in die Werkstatt muss.“ Er sieht mich an, lange, als würde er abwägen, ob er die nächste Frage wirklich stellen soll. „Meine Wohnung ist in der Böhmischen Straße. Fünf Minuten von hier.“
Ich denke an all die Regeln, die ich mir selbst gegeben habe, seit der Scheidung, an die Papierregel, dass man nichts überstürzen soll, weil es sonst reißt. Dann denke ich daran, dass Papier reißt, wenn man es zu schnell trocknet, aber dass manche Dinge im Leben genau das Gegenteil brauchen: Feuchtigkeit, Nähe, einen Moment, in dem man einfach zulässt, was passiert. „Fünf Minuten“, sage ich, „das schaffe ich noch, bevor ich mir eine Ausrede einfallen lasse.“
Was in der Böhmischen Straße geschah, bleibt hinter der Tür, die er hinter uns schloss, während draußen die ersten Straßenlaternen der Neustadt angingen. Ich weiß nur, dass ich am nächsten Morgen, als ich zurück zur Werkstatt lief, denselben Weg über die Alaunstraße nahm wie jeden Tag, und dass er sich zum ersten Mal seit Jahren nicht wie eine Strecke anfühlte, die man einfach hinter sich bringt, sondern wie ein Ort, an dem gerade etwas begonnen hatte, sechshundert Meter von meiner Werkstatt entfernt.
In der Woche danach schreibt er fast täglich, meist kurz vor Mittag, wenn er eine Pause auf einer Baustelle macht, die, wie sich herausstellt, nur zwei Straßen von der Rothenburger Straße entfernt liegt. Wir treffen uns dienstags an der Kunsthofpassage, donnerstags am Elbufer, einmal, ganz spontan, mitten am Vormittag, weil ein Kunde seinen Termin verschoben hat und er gerade Beton aushärten lässt und nichts zu tun hat außer zu warten. Anett fragt mich irgendwann grinsend, ob ich mir demnächst eine Wohnung suche, die näher an seiner liegt, und ich antworte, dass ich mir zum ersten Mal seit Jahren keine Gedanken über die Entfernung mache, weil in dieser Stadt, in diesem Viertel, alles ohnehin nur wenige Straßen voneinander entfernt ist. Manchmal, wenn ich abends die Werkstatt abschließe, gehe ich absichtlich den längeren Weg über die Böhmische Straße, nur um zu sehen, ob Licht in seinem Fenster brennt.







