Vierzig Minuten bis Rüttenscheid
Julia, 39 · Essen
Es ist halb vier, ich fege noch die letzten Haarsträhnen vom Boden meines Salons in der Rüttenscheider Straße, als mein Handy auf der Ablage neben den Scheren vibriert. Eine Nachricht von Tom, den ich vor drei Tagen auf einer App gematcht habe, keine zwei Kilometer entfernt, laut Karte: „Bin heute Abend spontan frei. Hast du Lust auf ein Glas Wein, ganz in der Nähe, kein Druck?"
Ich starre auf den Satz, während meine letzte Kundin unter der Trockenhaube sitzt, und rechne im Kopf durch, was noch alles vor mir liegt, bevor ich überhaupt an heute Abend denken kann.
Seit der Trennung von meiner Tochter Vater, vor vier Jahren, plane ich mein Leben in Stundenblöcken, Salon, Schule, Abendessen, Schlafenszeit, und für spontane Dinge bleibt in dieser Rechnung fast nie Platz. Die meisten Männer, die ich in den letzten Jahren getroffen habe, sind an genau diesem Kalender gescheitert, an der Tatsache, dass ich nicht einfach um zweiundzwanzig Uhr noch losziehen kann, weil zu Hause ein Kind schläft, das mich braucht. Toms Nachricht klingt zum ersten Mal seit langer Zeit so, als würde er das verstehen, ohne dass ich es erklären müsste. Ich habe den Salon vor sechs Jahren übernommen, von der Friseurin, bei der ich selbst als Lehrling angefangen habe, und seither ist er mein eigener kleiner Kosmos, mit Stammkundinnen, die mir mehr über sich erzählen als ihren eigenen Töchtern, und mit gerade genug Umsatz, um meine Tochter und mich über die Runden zu bringen, ohne dass viel übrig bleibt für Ausgehen oder große Pläne.
Um sechzehn Uhr schließe ich den Salon, hole meine Tochter von der Nachmittagsbetreuung an der Schule in der Bismarckstraße ab, was normalerweise der ruhigste Teil meines Tages ist, heute aber zur Uhr wird, die tickt. Meine Nachbarin, die manchmal abends aufpasst, hat zum Glück Zeit, und ich schreibe ihr, während meine Tochter mir von ihrem Tag erzählt, ohne dass ich wirklich zuhöre, weil mein Kopf schon beim Abend ist. Sie erzählt von einem Streit auf dem Pausenhof, von einer neuen Lehrerin, die sie mag, und ich nicke an den richtigen Stellen, während ich innerlich schon die Nachricht an meine Nachbarin formuliere, so beiläufig wie möglich, als wäre ein spontanes Date am Rüttenscheider Stern das Normalste der Welt.
Ich schreibe Tom zurück, während ich das Abendessen für meine Tochter vorbereite, Nudeln mit Tomatensauce, die schnellste Lösung, die ich kenne: „Neunzehn Uhr, Bar am Rüttenscheider Stern?" Er antwortet fast sofort, ein einziges Wort, „Perfekt", und ich merke, wie mein Herz schneller schlägt, obwohl ich seit Jahren erwachsen genug bin, um zu wissen, dass ein Wort auf einem Bildschirm nichts bedeuten muss.
Meine Tochter fragt, warum ich so oft auf die Uhr schaue, und ich sage nur, dass eine Freundin heute Abend Zeit für mich hat, was nicht einmal ganz falsch ist, nur unvollständig.
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Jetzt reife Frauen treffenMeine Tochter isst, ich dusche schnell, ziehe das Kleid an, das seit dem letzten Sommer im Schrank hängt, und meine Nachbarin klingelt pünktlich, mit einer Packung Kekse für meine Tochter und einem Grinsen für mich, das mehr sagt, als ich hören will. Ich laufe die zehn Minuten zu Fuß zum Rüttenscheider Stern, an den Cafés vorbei, die um diese Zeit noch voll sind, an der Bäckerei, in der ich morgens manchmal Brötchen kaufe, an dem Blumenladen, dessen Besitzerin mir zuwinkt. Die Rüttenscheider Straße, die alle hier nur „die Rü" nennen, ist um diese Zeit voll mit Menschen nach Feierabend, Studenten, Pärchen, Nachbarn, die sich vor den Kneipentüren begrüßen, und ich gehe mitten durch dieses Gewusel, mit einem Tempo, das mehr Vorfreude verrät, als mir bewusst ist.
Tom sitzt schon an einem kleinen Tisch draußen, zwei Gläser Wein vor sich, eines für mich, noch ungeöffnet, weil er nicht wusste, welchen ich mag, und beide Flaschen stehen zur Auswahl da. Er ist ruhiger, als ich erwartet habe, mit einem Lachen, das nicht nervös wirkt, sondern echt. Wir reden über meinen Salon, über seinen Job in der IT bei einem Unternehmen am Baldeneysee, über das Leben mit einem Kind, das ich habe und er nicht, aber das ihn nicht abzuschrecken scheint, wie es bei anderen Männern der Fall war. Er fragt sogar, wie meine Tochter heißt, wie alt sie ist, was sie am liebsten isst, und ich merke, dass ich das seit Jahren keinem Mann mehr im ersten Gespräch erzählt habe, weil die meisten irgendwann in der zweiten Minute abwinkten, sobald das Wort „Tochter" fiel.
Nach dem zweiten Glas schlägt er einen Spaziergang zum Baldeneysee vor, keine zehn Minuten mit dem Auto, das er vor der Bar geparkt hat, und ich zögere, wegen meiner Tochter, wegen der Uhrzeit, wegen der Nachbarin, die um zweiundzwanzig Uhr gehen muss. Er sagt, dass wir nur eine Stunde bleiben, dass er mich rechtzeitig zurückbringt, und irgendetwas in seiner Ruhe überzeugt mich mehr als seine Worte.
Wir laufen am Ufer entlang, während die letzten Segelboote einlaufen und ein Kutter mit Ausflüglern langsam Richtung Anlegestelle Kettwig zieht, und er erzählt von seiner eigenen Scheidung, vor zwei Jahren, wie er seither kaum ausgegangen ist, aus Angst, dass ihn niemand mehr will, mit vierzig und einem Job, der ihn selten aus dem Büro lässt. Er sagt, dass er die meisten Wochenenden allein am See joggt, immer dieselbe Route, weil es ihm hilft, nicht zu viel nachzudenken, und dass er sich seit Monaten nicht mehr getraut hat, jemanden zu einem zweiten Treffen zu fragen, aus Angst vor einer weiteren Absage. Ich erkenne mich in dieser Angst, in dieser Art, sich selbst kleinzumachen, bevor jemand anderes es tun kann.
Am Ufer, zwischen zwei Bänken, bleibt er stehen und fragt, ob er mich küssen darf, was mich mehr berührt als jede große Geste, die ich in den letzten Jahren erlebt habe. Wir bleiben länger dort stehen, als er versprochen hat, und keiner von uns beiden sieht in dieser Viertelstunde auf die Uhr. Ein Jogger läuft an uns vorbei, zweimal, dieselbe Runde, und irgendwann lachen wir beide darüber, weil es das Einzige ist, das uns aus diesem Moment herausholt, kurz, bevor wir wieder ganz bei uns sind.
Um Viertel vor zehn bringt er mich zurück in die Rüttenscheider Straße, direkt vor meine Tür, und ich weiß, dass die Nachbarin gleich gehen muss und meine Tochter schon schläft, und dass dieser Abend, so kurz er war, mir mehr gegeben hat als Monate ohne einen einzigen Blick auf mein Handy. Er fragt nicht, ob er mit hochkommen darf, was mich noch mehr überzeugt, dass es richtig war, ihm zu vertrauen. Er wartet, bis ich die Haustür aufgeschlossen habe, wie jemand, der genau weiß, dass eine allein erziehende Mutter nicht gern beobachtet wird, wenn sie nach ihrem Schlüssel sucht, und dieser kleine Anstand wiegt an diesem Abend mehr als jedes große Wort.
Wir verabreden uns für übermorgen, wieder ganz in der Nähe, vielleicht am See, vielleicht in meinem Salon nach Feierabend, und ich gehe hinein, wo meine Nachbarin schon die Jacke anzieht, mit einem Lächeln, das ich seit Jahren nicht mehr so leicht gespürt habe, mitten in einem ganz normalen Donnerstagabend, zwei Kilometer von zu Hause entfernt. Meine Nachbarin sieht mich an der Tür, bevor sie geht, und sagt nur: „Das war überfällig." Ich widerspreche nicht, schließe hinter ihr ab und schaue noch einmal auf mein Handy, wo Toms letzte Nachricht steht, kurz und ohne großes Versprechen, genau so, wie ich es an diesem Abend gebraucht habe. Übermorgen, denke ich, während ich das Licht in der Küche lösche, ist auch nur eine Straßenbahnfahrt entfernt, keine Reise, kein Plan, nur ein weiterer Abend, ganz in der Nähe.







