In der Nähe von dir
Sabine, 49 · Hamburg
Montags um kurz vor neun, zwischen zwei Steuerbescheiden, öffnete Sabine die App, die ihre Tochter ihr im Frühling installiert hatte, „nur zum Ausprobieren, Mama, ohne Druck“. Neununddreißig Jahre alt war sie da noch nicht gewesen, geschweige denn neunundvierzig, geschieden, mit einer eigenen Steuerkanzlei zwei Straßen vom Ottenser Marktplatz entfernt und einer Kalenderwoche, die von Montag bis Freitag durchgetaktet war wie eine Fabrik. Sie hatte drei Nachrichten von der Nacht, alle von Männern, die zu jung, zu weit weg oder zu offensichtlich auf der Suche nach etwas anderem waren. Nur eine blieb übrig: „Ottensen, sagst du? Ich wohne an der Fischersallee. Kaffee irgendwann diese Woche?“
Sein Name war Kai, dreiundfünfzig, Elektroingenieur bei einem mittelständischen Betrieb im Hamburger Hafen, geschieden seit vier Jahren, mit einem Sohn im Studium. Sabine schrieb zurück, mehr aus Höflichkeit als aus Überzeugung: „Diese Woche wird knapp, aber ich schau mal.“ Zwischen zwei Mandantengesprächen, während ihre Kollegin Frau Petersen am Empfang telefonierte, tauschten sie kurze Nachrichten, über die Firmontage im Büro, über einen kaputten Wasserhahn bei ihm, über nichts Besonderes. Aber jede Nachricht kam schneller als die letzte, und um sechs, als sie das Licht im Büro ausschaltete, hatte sie zum ersten Mal seit Monaten das Gefühl, dass der Tag zu kurz gewesen war.
Am Mittwoch schlug er vor, sich in einem kleinen Café in der Bahrenfelder Straße zu treffen, gleich nach ihrer letzten Besprechung, „nur eine halbe Stunde, wenn du magst, ich verstehe, wenn die Woche zu voll ist“. Sabine sagte ihrer Kollegin, sie müsse noch zur Bank, was nicht ganz gelogen war, denn die Bank lag tatsächlich auf dem Weg. Sie erkannte ihn sofort, an einem Fenstertisch, eine Baumappe neben sich, weil er direkt von einer Baustelle kam, die Ärmel des karierten Hemdes hochgekrempelt. Sie bestellte einen Cappuccino, er einen schwarzen Kaffee, und beide ließen ihre Getränke kalt werden, weil das Reden wichtiger wurde als das Trinken.
Er erzählte von seiner Scheidung, ohne Bitterkeit, nur mit der Müdigkeit eines Mannes, der zwanzig Jahre versucht hatte, es allen recht zu machen, und am Ende niemandem, sich selbst am wenigsten. Sabine erzählte von ihrer Kanzlei, von den Nächten, in denen sie Bilanzen prüfte, während ihre Tochter längst schlief, von dem Gefühl, unsichtbar geworden zu sein, sobald man über vierzig ist und geschieden und selbstständig, drei Wörter, die Männer in ihrem Alter offenbar erschreckten. „Mich schreckt das nicht“, sagte Kai. „Mich schreckt eher, wie lange ich gebraucht habe, um jemanden zu schreiben.“ Nach einer Stunde standen sie noch immer am Tisch, unfähig, das Gespräch zu beenden, bis eine Kellnerin taktvoll die Stühle hochstellte.
Auf dem Rückweg zur Kanzlei, entlang der Klein Flottbeker Straße, schrieb er ihr schon wieder, ein Foto von einem Wasserhahn, den er tatsächlich reparierte, mit der Bildunterschrift: „Sieht aus wie meine Ehe. Aber jetzt tropft er nicht mehr.“ Sabine lachte allein auf der Straße, so laut, dass eine Passantin sie ansah. Sie merkte, dass sie den ganzen restlichen Tag mit einem Grinsen durch ihre Termine ging, das sie nicht erklären konnte und auch nicht wollte, ein Gefühl, das sie an die Zeit erinnerte, bevor Formulare und Fristen ihr Leben übernommen hatten.
Am Freitag, ihrem letzten Mandantentermin um vier, schrieb er: „Feierabend? Ich bin in fünfzehn Minuten am Fischmarkt, in der Nähe von dir.“ In der Nähe von dir – dieser Satz gefiel ihr besonders, weil er bedeutete, dass er die Karte im Kopf hatte, dass Ottensen und Altona für ihn kein fremdes Gebiet waren, sondern Nachbarschaft. Sie ließ die letzten Unterlagen liegen, was sie noch nie getan hatte, schloss abends um vier das Büro und lief die Große Elbstraße entlang, an den alten Speichern vorbei, bis sie ihn an der Elbtreppe am Altonaer Balkon sitzen sah, mit zwei Flaschen Bier, die er extra für sie gekühlt hatte.
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Jetzt reife Frauen treffenSie setzten sich auf die Stufen, sahen den Containerschiffen zu, die stumm den Fluss hinunterglitten, und Kai erklärte ihr die Namen der Kräne am gegenüberliegenden Ufer, mit einer Begeisterung, die sie an einen kleinen Jungen erinnerte. Der Wind roch nach Salzwasser und Diesel, eine Mischung, die für Sabine seit ihrer Kindheit nach Freiheit roch, weil ihr Vater sie an solchen Freitagen manchmal von der Schule direkt hierher gebracht hatte. Sie erzählte ihm das, und er nahm ihre Hand, ohne zu fragen, als sei es das Natürlichste der Welt, jemandem an einem Freitagabend an der Elbe die Hand zu halten.
„Ich habe die ganze Woche überlegt, ob ich zu schnell war“, gestand er, als die Sonne hinter den Kränen verschwand und der Himmel orange wurde. „Drei Nachrichten am Montag, ein Kaffee am Mittwoch, jetzt das hier am Freitag.“ Sabine dachte an ihre Wochen der letzten Jahre, in denen sie nichts riskiert hatte, aus Angst, zu schnell zu sein, aus Angst überhaupt. „Ich finde, eine Woche ist genau richtig“, sagte sie. „Lang genug, um sich nicht zu täuschen, kurz genug, um sich nicht zu verlieren.“ Er lächelte, stand auf und half ihr auf die Beine, und sie gingen zusammen die kleine Gasse hinauf zu seiner Wohnung, die keine zehn Minuten entfernt in der Fischersallee lag.
Die Wohnung war unaufgeräumt auf eine ehrliche Art, mit Werkzeugkisten im Flur und einem Balkon voller Kräutertöpfe, die er offensichtlich mehr goss als sich selbst um sein Abendessen zu kümmern. Er kochte trotzdem etwas Einfaches, Nudeln mit Tomatensauce, während Sabine auf der Küchentheke saß und ihm zusah, ein Bild, das ihr fremd und vertraut zugleich vorkam. Was danach zwischen ihnen geschah, in einem Zimmer mit Blick auf die Dächer von Ottensen, während draußen die letzten Fähren zum Anleger tuteten, blieb zwischen ihnen, ein Geheimnis, das keine Worte brauchte, um vollständig zu sein.
Am Samstagmorgen wachte sie neben ihm auf, hörte die Möwen über den Dächern schreien, und griff instinktiv nach ihrem Handy, um die Woche zu prüfen. Dann ließ sie es liegen. Kai schlief noch, ein Arm über ihrer Taille, und sie dachte, dass sie seit Montag mehr Nähe erlebt hatte als in den drei Jahren zuvor zusammen. Als er aufwachte, murmelte er nur: „In der Nähe von dir“, als sei das jetzt eine Art Kosename geworden, und sie beschloss, dass sie damit gut leben konnte, in Ottensen, an der Elbe, in einer Woche, die mit einer beiläufigen Nachricht angefangen hatte und mit einem ganzen Wochenende endete.
Sie blieb bis zum Mittag, und als sie schließlich ihre Kanzlei aufschloss, um ein paar liegen gebliebene Unterlagen zu holen, roch ihr eigenes Büro plötzlich fremd, nach Papier und Bildschirmlicht, nach einem Leben, das ihr eine Woche zuvor noch vollständig erschienen war. Frau Petersen fragte am Montag beiläufig, ob alles in Ordnung sei, weil Sabine seit Tagen anders lächelte, konzentrierter und zugleich abwesender. Sabine antwortete nur, sie habe jemanden aus der Nachbarschaft kennengelernt, was formal stimmte und doch die halbe Wahrheit verschwieg, denn Kai war inzwischen jeden zweiten Abend bei ihr, reparierte die klemmende Balkontür, kochte, während sie noch Belege sortierte, und wartete geduldig, bis sie fertig war.
Was sie am meisten überraschte, war nicht die Nähe seiner Wohnung, sondern wie schnell aus einer geografischen Tatsache ein Gefühl geworden war. Früher hatte sie Männer aus anderen Stadtteilen getroffen, aus Winterhude oder Blankenese, und jedes Treffen hatte etwas von einer Expedition gehabt, mit Anfahrt, Rückfahrt, Müdigkeit. Mit Kai reichte ein kurzer Fußweg an der Elbe entlang, vorbei am Anleger, an dem die Fähre nach Finkenwerder ablegte, und sie war bei ihm, oder er bei ihr, ohne dass einer von beiden dafür einen ganzen Abend einplanen musste. Diese Beiläufigkeit, dachte sie manchmal beim Einschlafen, war vielleicht das eigentliche Geschenk dieser Woche gewesen, mehr noch als der Mann selbst: das Gefühl, dass Nähe kein Ereignis mehr sein musste, sondern einfach da war, wie das Rauschen der Elbe hinter dem Fenster.







