Zimtschnecken am Sielwall
Meike, 44 · Bremen
Um sechs Uhr morgens ist der Ostertorsteinweg noch fast leer, nur die Möwen kreisen schon über der Weser und streiten sich um etwas, das jemand in der Nacht hat fallen lassen. Meike, vierundvierzig, schiebt ihren Klapptisch zwischen den Stand mit Ziegenkäse und den mit Schnittblumen aus Oberneuland und beginnt, die Bleche auszupacken. Zimtschnecken, noch lauwarm vom Ofen in ihrer Küche in der Admiralstraße, Mürbeteigkuchen mit Rhabarber, eine Kiste Franzbrötchen für alle, die sich nicht entscheiden können. Bis acht Uhr riecht der halbe Platz nach ihr, nach Zimt und Butter, und die ersten Nachbarn kommen noch im Morgenmantel unter dem Regenjackett.
Seit zwei Jahren steht sie hier, seit der Scheidung, seit sie aus dem Reihenhaus in Oberneuland in die kleine Wohnung über einer Änderungsschneiderei gezogen ist. Der Markt hat sie aufgefangen, ohne dass sie es geplant hatte. Hier kennt sie niemand als die Frau, die einmal etwas anderes war. Hier ist sie nur die mit den Zimtschnecken, und das genügt ihr an den meisten Tagen vollkommen.
Um sie herum stehen dieselben Gesichter wie seit Jahren: der Käsehändler, der ihr jeden Samstag ein Stück Ziegenkäse zusteckt, das er angeblich nicht mehr verkaufen kann, die Blumenfrau aus Oberneuland, die über die Bauarbeiten am Viertel schimpft, der alte Mann mit dem Dackel, der immer genau ein Franzbrötchen kauft und es nie bezahlt, weil sie es ihm nie in Rechnung stellt. Sie kennt ihre Namen, ihre Geschichten, das Wetter, das sie am meisten mögen, und manchmal denkt sie, dass sie in diesem kleinen Kreis von Menschen mehr Zuhause gefunden hat als in fünfzehn Jahren Ehe.
Seit dem Frühsommer kommt jeden Samstag um kurz vor neun ein Mann in einer verwaschenen Cordjacke, bestellt zwei Zimtschnecken und einen Kaffee zum Mitnehmen, zahlt exakt und verschwindet dann in Richtung Sielwall. Erst nach vier, fünf Samstagen hat er ihr gesagt, dass er Jost heißt, dass er Statiker ist und seit einem Jahr ein altes Kapitänshaus an der Schlachte saniert, das früher einem Reeder gehört hat. Seither reden sie ein wenig länger, während sie die Tüte zuklebt, über das Wetter, über die Baustelle, über nichts, das wirklich wichtig wäre, und doch freut sie sich die ganze Woche insgeheim auf diese neunzig Sekunden.
An diesem Samstag im September steht er schon da, als sie um halb zwei die letzten Bleche abräumt, und er hilft ihr, ohne zu fragen, die Kisten in ihren Transporter zu heben. „Ich habe heute keine Baustelle“, sagt er, während er den letzten Karton mit Gebäckresten verstaut. „Und ich habe genug davon, meinen Kaffee im Stehen zu trinken und dir dabei nur beim Zusammenpacken zuzusehen.“ Meike lacht, wischt sich Mehl von der Wange und sagt, dass sie das für eine sehr umständliche Art hält, jemanden auf einen Kaffee einzuladen. „Ich wollte es nicht überstürzen“, sagt er. „Ich habe drei Monate gebraucht.“
Sie schließen den Stand gemeinsam, und sie lässt zum ersten Mal seit Monaten ihren Transporter einfach am Rand des Ostertorsteinwegs stehen, statt ihn sofort zur Wohnung zu fahren. Sie gehen ein paar Schritte bis in die Sielwallstraße, zu einem kleinen Café mit zwei Tischen draußen und einer Markise, die im Wind flattert. Sie bestellt sich, zur Abwechslung, keinen Kaffee zum Mitnehmen, sondern eine echte Tasse mit Untertasse, und setzt sich, was sie samstags sonst nie tut.
Jost erzählt von seiner Frau, die vor drei Jahren an Krebs gestorben ist, davon, wie er nach Bremen gezogen ist, weil er in Hamburg in der leeren Wohnung nicht mehr atmen konnte, und davon, dass das Kapitänshaus an der Schlachte das erste Projekt ist, bei dem er wieder Lust hatte, morgens aufzustehen. Meike erzählt vom Reihenhaus in Oberneuland, von der Hecke, die ihr Exmann jeden Sonntag mit einer Wasserwaage geschnitten hat, und davon, dass sie erst auf dem Markt gemerkt hat, wie sehr sie es vermisst hatte, mit den Händen etwas zu machen, das man riechen kann.
„Und jetzt?“, fragt er irgendwann, den Löffel in der Hand, ohne ihn zu benutzen. „Jetzt bin ich die Frau mit den Zimtschnecken“, sagt sie. „Das reicht mir eigentlich.“ „Eigentlich?“, fragt er, und sie merkt, dass sie ihm damit eine Tür geöffnet hat, die sie eigentlich schließen wollte.
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Jetzt reife Frauen treffen„Ich habe Angst, dass ich mich einrichte“, sagt sie schließlich, weil das Wort einfacher ist als die Wahrheit. „Der Stand, die Wohnung, die Samstage. Alles ist geordnet, und ich habe Angst, dass ich es genau deswegen mag.“ Jost nickt, als würde er das verstehen, ohne dass sie mehr erklären müsste. „Ich habe drei Monate gebraucht, um dich zu fragen, ob du Kaffee im Sitzen trinken willst“, sagt er. „Ich glaube, ich verstehe Ordnung ganz gut. Aber vielleicht muss man sie nicht abschaffen. Vielleicht muss man ihr nur einmal die Woche einen freien Nachmittag einbauen.“ Sie schweigt einen Moment und findet, dass das der klügste Satz ist, den heute jemand zu ihr gesagt hat.
Sie bleiben sitzen, bis die Kellnerin zum dritten Mal fragt, ob sie noch etwas möchten, dann gehen sie einfach weiter, ohne ein Ziel zu nennen, den Ostertorsteinweg hinunter, am Sielwall vorbei, bis zur Weser. An der Schlachte hat die Nachmittagssonne die Kais in ein warmes Gold getaucht, die Ausflugsschiffe liegen leer an ihren Stegen, und ein paar Jugendliche springen von der Kaimauer, obwohl es dafür eigentlich schon zu kühl ist. Jost zeigt ihr das Kapitänshaus, ein schmales Gebäude mit einer Fassade, die noch halb im Gerüst steckt, und erklärt, mit den Händen in der Luft, wie die Fenster einmal aussehen sollen.
„Willst du es dir von innen ansehen?“, fragt er, und sie hört genau, dass die Frage mehr meint, als sie sagt, und dass er ihr trotzdem einen Ausweg lässt. Sie könnte jetzt zurück zu ihrem Transporter gehen, zurück in ihre Wohnung, in ihren gewohnten Samstagabend mit Fernseher und kaltem Abendessen. Stattdessen sieht sie auf die Weser, auf das Licht, das sich in den Wellen bricht, und denkt, dass sie seit zwei Jahren nichts mehr getan hat, das nicht geplant war.
„Ja“, sagt sie. „Aber ich warne dich, ich rieche nach Zimt.“ „Das ist mir seit drei Monaten aufgefallen“, sagt er, „und ich habe kein Problem damit.“
Im Inneren des Hauses stehen Farbeimer und ein Baugerüst im Erdgeschoss, aber im ersten Stock hat er sich ein Zimmer eingerichtet, mit einem Sofa, einem alten Radio und einem Blick direkt auf die Weser, über den er, wie er zugibt, jeden Abend erschrocken ist, wie schön er ist. Sie stehen am Fenster, sagen für einen Moment nichts, und dann legt er seine Hand vorsichtig auf ihre, als wolle er testen, ob sie sie wegzieht. Sie zieht sie nicht weg.
Was danach zwischen ihnen geschieht, bleibt zwischen den beiden dünnen Wänden dieses halb fertigen Zimmers, im letzten Licht, das durch das noch unverputzte Fensterbrett fällt, während draußen die Schiffshörner der Weser leiser werden. Sie sagt später nur, dass sie zum ersten Mal seit Jahren vergessen hat, auf die Uhr zu schauen.
Am nächsten Morgen wacht sie mit dem Geruch von frischem Kaffee auf, den er unten in einer improvisierten Küche gekocht hat, ohne Milch, weil der Kühlschrank noch nicht angeschlossen ist. Sie trinkt ihn schwarz, auf einer Fensterbank sitzend, mit einem seiner Pullover über den Schultern, und sieht den ersten Ausflugsschiffen zu, die am Sonntagmorgen langsam die Weser hinaufziehen.
„Nächsten Samstag“, sagt er, als sie geht, „nehme ich vielleicht drei Zimtschnecken.“ „Wofür die dritte?“, fragt sie. „Für den Tisch, an dem wir dann vielleicht sitzen“, sagt er. Sie lacht auf dem ganzen Weg zurück zum Ostertorsteinweg, wo ihr Transporter noch immer dort steht, wo sie ihn tags zuvor stehen gelassen hat, mit einem Zettel unter dem Scheibenwischer von einer Nachbarin, die sich Sorgen gemacht hat. Zum ersten Mal seit zwei Jahren stört sie das nicht.
In den Wochen danach wird daraus ein Muster, ohne dass sie es ausgesprochen hätten: samstags der Markt, danach Kaffee im Sitzen, und irgendwann, meist gegen Nachmittag, ein Umweg über die Schlachte, an der sich das Kapitänshaus langsam mit jeder Woche verändert, neue Fenster, ein frisch verputztes Erdgeschoss, ein Geländer, das er ihr eines Samstags feierlich zeigt, weil er es selbst geschmiedet hat. An manchen Sonntagen fahren sie hinaus in den Bürgerpark, laufen an den Teichen entlang, bis die Beine schwer werden, und kehren dann bei einem Café am Emmasee ein, ohne dass jemand von ihnen das Wort Beziehung benutzt. Meike merkt, dass ihr das nichts nimmt. Es fügt nur etwas hinzu, das genau in die Lücken passt, die sie sich selbst nie erlaubt hätte zu bemerken. Und jeden Samstagmorgen, wenn sie um sechs die Bleche auspackt und der Duft von Zimt über den Ostertorsteinweg zieht, weiß sie inzwischen genau, für wen die dritte Zimtschnecke bestimmt ist.







