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Ein Wochenende ohne Kapitelüberschrift

Petra, 46 · Köln

Petra schloss am Freitag um sechs die Tür ihrer kleinen Buchhandlung in der Venloer Straße ab, drehte den Schlüssel zweimal, wie jeden Abend, und wusste noch nicht, dass dieses Wochenende anders werden würde als alle Wochenenden der letzten drei Jahre. Seit ihrer Trennung von Markus hatte sie sich eine Regel gesetzt: keine Verabredungen, die über einen Abend hinausgingen, nichts, was sich nach Zukunft anfühlte, weil Zukunft das Wort war, das ihr am meisten Angst machte. Als sie ihr Handy öffnete, wartete eine Nachricht von Frank, den sie zwei Wochen zuvor bei einer Lesung in ihrem eigenen Laden kennengelernt hatte. „Hast du dieses Wochenende Zeit? Kein Programm. Ich schlage einfach vor, dass wir schauen, was passiert.“

Sie antwortete, ohne lange zu überlegen, und um acht saßen sie in einer kleinen Kneipe in der Körnerstraße, in der die Musik so laut war, dass sie sich über den Tisch beugen mussten, um sich zu verstehen. Frank, achtundvierzig, arbeitete als Tontechniker für kleinere Konzerte, ein Beruf, der ihn ständig zwischen Köln, Düsseldorf und Bonn hin und her schickte, und genau diese Unruhe seines Lebens gefiel Petra, die selbst jahrelang versucht hatte, alles in ihrer Buchhandlung unter Kontrolle zu halten, jedes Regal, jede Bestellung, jeden Cent. Er erzählte von einem Konzert, bei dem die Band mitten im Song das Stromkabel aus der Wand gezogen hatte, aus Protest gegen den Veranstalter, und Petra lachte so sehr, dass sie sich beinahe verschluckte.

Als die Kneipe schloss, standen sie unentschlossen auf der Venloer Straße, und keiner von beiden sagte das Wort, das eigentlich in der Luft lag. „Ich habe keine Erwartungen an dieses Wochenende“, sagte Frank schließlich, „außer der einen, dass es kein schlechtes wird.“ Petra fand, das war die ehrlichste Ansage, die ihr je jemand gemacht hatte, ohne Versprechen, ohne Druck, nur eine Richtung. Sie gingen zu ihr, in die kleine Wohnung über der Buchhandlung, in der die Regale bis an die Decke reichten und jedes Zimmer nach Papier roch. Was in dieser ersten Nacht zwischen ihnen geschah, blieb hinter der Tür ihres Schlafzimmers, in einem Halbdunkel, das nur von der Straßenlaterne draußen erleuchtet wurde.

Sie wachten spät auf, gegen elf, und lagen eine Weile schweigend da, bevor Frank vorschlug, überhaupt keinen Plan zu machen, sondern einfach loszulaufen und zu sehen, wohin die Straßen sie führten. Sie gingen durch Ehrenfeld, kauften Käse und Brot auf dem Wochenmarkt am Neptunplatz, aßen ihn auf einer Bank, ohne Teller, direkt aus der Papiertüte, und Petra fand, dass Essen im Freien, ohne Besteck, mit den Fingern, etwas seltsam Befreiendes hatte, wie eine kleine Erlaubnis, die sie sich selbst gab. Am Nachmittag zogen sie weiter zur Zülpicher Straße, wo Studenten schon draußen vor den Kneipen saßen, obwohl es noch nicht einmal fünf war, und Frank kaufte zwei Eis am Stiel von einem Kiosk, das binnen Minuten in der Sonne schmolz.

„Ich sollte eigentlich zur Buchhandlung zurück“, sagte Petra irgendwann, mehr aus Gewohnheit als aus echtem Wunsch. „Es gibt immer etwas zu tun, Bestellungen, das Schaufenster.“ Frank sah sie an und sagte nichts, wartete einfach, bis sie selbst merkte, wie absurd der Satz an einem Samstagnachmittag klang, mit Eis in der Hand und der Sonne im Gesicht. Sie blieb. Sie liefen weiter bis zum Rudolfplatz, betrachteten den Torturm, der wie eine Insel zwischen den Straßenbahnschienen stand, und Frank erzählte, wie er als Kind mit seinem Vater immer hier vorbeigefahren war, auf dem Weg zu Fußballspielen, die er längst nicht mehr besuchte.

Am Abend kochten sie zusammen in ihrer kleinen Küche, ein Gericht, das keiner von beiden vollständig kannte, eine Mischung aus dem, was der Kühlschrank noch bereithielt, und improvisierten Gewürzen, die sie beide für richtig hielten, obwohl sie sich ständig widersprachen. Es schmeckte seltsam, und sie lachten darüber, während draußen die Glocken von Sankt Rochus zur Abendmesse riefen. Petra merkte, dass sie seit Stunden nicht mehr an die Buchhandlung, an Markus, an irgendetwas aus ihrem alten Leben gedacht hatte, zum ersten Mal seit der Trennung ein ganzer Nachmittag, gefüllt allein mit Gegenwart.

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Am Sonntag, ihrem letzten gemeinsamen Tag, bevor Frank am Abend nach Bonn zu einem Konzert musste, gingen sie früh zum Rhein, zur Hohenzollernbrücke, unter der die ersten Jogger vorbeiliefen. Sie setzten sich auf die Treppen am Ufer, mit Kaffee aus Pappbechern, und sahen den Ausflugsschiffen zu, die träge den Fluss hinaufzogen. „Ich weiß nicht, wann ich dich wiedersehe“, sagte Frank schließlich, ohne dass es wie eine Entschuldigung klang, eher wie eine schlichte Tatsache seines Lebens zwischen den Städten. Petra überraschte sich selbst mit der Ruhe ihrer eigenen Antwort. „Das muss ich auch nicht wissen“, sagte sie. „Dieses Wochenende war genug, um zu wissen, dass es gut war. Der Rest ergibt sich, oder er ergibt sich nicht.“

Sie küssten sich lange am Ufer, während die Domtürme im Morgenlicht über den Häusern aufragten, und Petra dachte, dass sie noch vor drei Tagen jede Verbindlichkeit gefürchtet hätte, jede offene Frage über ein „Danach“. Jetzt fand sie genau das Fehlen einer Antwort beruhigend, wie ein Buch, das noch nicht zu Ende geschrieben war und deshalb noch jede Wendung erlauben konnte. Als Frank am Nachmittag seine Tasche packte, half sie ihm, sein Kabelgewirr zu sortieren, das er lachend als „mein eigentliches Zuhause“ bezeichnete, und begleitete ihn zum Hauptbahnhof, wo sie sich ohne große Worte verabschiedeten, nur mit einem Versprechen, das keines war: „Vielleicht nächstes Wochenende. Vielleicht auch einfach irgendwann.“

Zurück in ihrer Buchhandlung am Montagmorgen, während sie die neuen Lieferungen auspackte, fand Petra sich lächelnd über einem Karton mit Krimis wieder, ohne einen bestimmten Grund, außer dem Gefühl, dass sie ein Wochenende gelebt hatte, wie es kam, ohne es zu planen, ohne es zu Ende zu denken. Sie stellte die Bücher ins Regal, in der Reihenfolge, die sie immer benutzte, und dachte, dass manche Geschichten eben genau so funktionierten: ohne Kapitelüberschrift für das, was als Nächstes kommt, und trotzdem vollständig in sich selbst.

Am Dienstagabend, während Petra die Kasse des Tages zählte, meldete sich Frank aus Bonn, mit einem Foto von einem Mischpult und der Bildunterschrift: „Der Sänger hat zweimal den Text vergessen. Ich vermisse unser schlecht gewürztes Nudelgericht.“ Petra lachte allein im Laden, so laut, dass ein Kunde an der Tür sie verwundert ansah, bevor er wieder ging. Sie schrieb zurück, dass sie das Gewürzchaos jederzeit wiederholen könne, sollte er einmal wieder in Köln vorbeikommen, und er antwortete, er sei in zehn Tagen erneut in der Stadt, für ein Konzert in der Live Music Hall, direkt an der Schanzenstraße, und ob sie mitkommen wolle, backstage, wo die eigentliche Arbeit passiere.

Diese zehn Tage vergingen anders, als sie es erwartet hatte. Petra ertappte sich dabei, wie sie beim Sortieren neuer Bücher an Sätze dachte, die Frank am Sonntagmorgen am Rhein gesagt hatte, wie sie beim Abschließen der Buchhandlung abends kurz auf ihr Handy schaute, nicht aus Verzweiflung, sondern aus einer neuen, ungewohnten Vorfreude. Sie erzählte ihrer Nachbarin, einer pensionierten Lehrerin, die jeden Morgen die Zeitung bei ihr kaufte, von dem Wochenende, vorsichtig zuerst, dann mit immer mehr Details, und die Nachbarin sagte nur: „Das erste Lächeln seit Markus, das ich bei dir sehe, das nicht aufgesetzt wirkt. Halt es fest, wie auch immer es sich entwickelt.“

Als Frank tatsächlich zehn Tage später wiederkam, holte er sie nach Ladenschluss ab, mit zwei Backstage-Pässen, die er ihr theatralisch überreichte, als seien es Konzertkarten für die Philharmonie. Sie verbrachten den Abend zwischen Kabeln, Getränkekisten und einer Band, die sich lautstark über die richtige Reihenfolge der Songs stritt, und Petra fand, dass sie selten so viel gelacht hatte wie in diesem chaotischen, staubigen Backstagebereich der Live Music Hall. Auf dem Rückweg, spät in der Nacht, an der Zülpicher Straße, in der jetzt fast niemand mehr saß, sagte Frank leise: „Ich glaube, ich habe angefangen, mein Zuhause nicht mehr nach der Postleitzahl zu bestimmen, sondern danach, wo du bist.“ Petra sagte nichts darauf, aber sie hielt seine Hand fester, den ganzen Weg zurück zur Venloer Straße.

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