Die Orchidee im Botanischen Garten
Insa, 46 · Münster
Wenn ich heute an dieses Wochenende zurückdenke, beginnt es nicht mit ihm, sondern mit einem platten Reifen. Ich, Insa, sechsundvierzig, betreibe seit neun Jahren einen kleinen Fahrradladen im Kreuzviertel, in der Wolbecker Straße, und an einem Freitagnachmittag im Spätsommer schiebt ein Mann sein Rad zu mir herein, das aussieht, als hätte es den Krieg überlebt, und fragt, ob ich es bis morgen wieder fahrtüchtig machen könnte, weil er am Sonntag eine Radtour um den Aasee geplant habe und nicht wisse, wem er sonst vertrauen solle.
Er heißt Matthias, ist Professor für Botanik an der Universität, und erzählt, während ich den Schlauch prüfe, von seinem botanischen Garten, in dem er den ganzen Tag zwischen Pflanzen verbringt, die älter sind als jedes Gespräch, das er in den letzten Jahren geführt hat. Ich lache, weil das die ehrlichste Beschreibung von Einsamkeit ist, die mir seit Monaten jemand gegeben hat, ohne das Wort selbst zu benutzen. Ich sage ihm, das Rad sei bis morgen Mittag fertig, und er bedankt sich, als hätte ich ihm mehr gegeben als eine neue Kette.
Meinen Laden habe ich vor neun Jahren übernommen, kurz nachdem meine Ehe zerbrach, weil mein Mann meinte, ein eigenes Geschäft sei zu riskant für eine Frau in meinem Alter, und ich genau deshalb wissen wollte, ob er recht hat. Er hatte nicht recht. Der Laden trägt sich seit Jahren gut, und ich habe mir in dieser Zeit eine Routine aufgebaut, die mich zufrieden gemacht hat, ohne dass ich groß darüber nachdachte, ob mir etwas fehlt. Münster ist eine Stadt, in der man mit dem Fahrrad überallhin kommt, aber ich hatte in den letzten Jahren vergessen, wie es sich anfühlt, mit jemandem zusammen irgendwohin zu fahren, ohne dass es nur um die Strecke ging.
Am Samstagvormittag, während ich in der Werkstatt hinter dem Laden die Kette ölte und die Bremsen neu einstellte, dachte ich mehr an ihn, als mir recht war. Münster ist eine Stadt der Fahrräder, jeder hier hat eines, jeder bringt es irgendwann zu mir, und normalerweise vergesse ich die Gesichter, sobald das nächste Rad an der Reihe ist. Bei ihm blieb etwas hängen, vielleicht die Art, wie er über seine Pflanzen sprach, als seien sie Freunde, die ihm nichts zurückgeben können, außer dass sie wachsen.
Er kam am Samstagmittag, pünktlicher, als ich erwartet hatte, mit zwei Bechern Kaffee aus dem kleinen Café gegenüber, einen für sich, einen, wie er sagte, „für die Frau, die mein Fahrrad gerettet hat.“ Wir setzten uns auf die Bank vor dem Laden, in der Sonne, die zwischen den Altbauten des Kreuzviertels hindurchfiel, und er fragte, ob ich am nächsten Tag Zeit hätte, ihm die Tour um den Aasee zu zeigen, weil er, obwohl er seit zwölf Jahren in Münster lebt, den See nur vom Institut aus kenne, nie zu Fuß, nie mit dem Rad, nur als Linie auf einer Karte, die er beim Radfahren zur Arbeit kreuzt.
Ich sagte ja, bevor ich überhaupt überlegt hatte, ob ich am Sonntag nicht eigentlich Wäsche waschen und den Laden für die neue Woche vorbereiten müsste. Es war das erste Mal seit langem, dass ich ein Wochenende nicht durchgeplant hatte, und genau das machte den Gedanken an den Sonntag leichter, als er es normalerweise gewesen wäre.
Meine Angestellte Britta, die samstags die Kasse übernimmt, sah mir wortlos zu, wie ich den Laden abschloss und dabei innerlich schon beim nächsten Tag war, und sagte nur, im Vorbeigehen, dass sie mich seit Jahren nicht mehr so schnell die Rollläden habe herunterlassen sehen. Ich widersprach nicht. Zu Hause legte ich mir die Kleidung für den nächsten Tag zurecht, verwarf sie zweimal, und ärgerte mich über mich selbst, dass mich ein Professor für Botanik mit einem kaputten Fahrrad so aus der Fassung bringen konnte, obwohl ich seit Jahren stolz darauf war, mich von niemandem mehr aus der Fassung bringen zu lassen.
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Jetzt reife Frauen treffenWir trafen uns um zehn am Hafen, am Kreativkai, wo die alten Speicherhäuser inzwischen Cafés und Ateliers beherbergen, und fuhren von dort aus die Promenade Richtung Aasee, an Seglern vorbei, die ihre Boote für den Tag vorbereiteten, an Studierenden, die auf Decken im Gras saßen, als hätten sie den ganzen Sommer noch vor sich. Matthias erzählte von den Bäumen entlang der Promenade, nannte jeden mit seinem lateinischen Namen, und ich merkte, wie sehr mich das beeindruckte, obwohl ich mir sonst nichts aus Vorträgen mache.
„Ich kann dir auch erzählen, wie ein Fahrradrahmen aus Stahl sich von einem aus Aluminium unterscheidet, wenn du willst“, sagte ich, um nicht ganz unwissend zu wirken, und er lachte, ein Lachen, das über den ganzen See zu tragen schien. „Das würde ich gerne hören“, sagte er. „Ich glaube, wir wissen beide mehr über Dinge, die die meisten Leute für selbstverständlich halten, als über uns selbst.“
Wir fuhren am Aasee entlang bis zum Botanischen Garten, wo er mich, nach kurzem Zögern an der Pforte, durch den Eingang für Mitarbeiter führte, vorbei an Gewächshäusern, die nach feuchter Erde und etwas Süßlichem rochen, das ich nicht benennen konnte. Er zeigte mir eine Orchidee, die er selbst vor sieben Jahren gepflanzt hatte und die erst in diesem Frühjahr zum ersten Mal geblüht hat. „Manche Dinge brauchen einfach ihre Zeit“, sagte er, „und man darf nicht ungeduldig werden, nur weil sieben Jahre lang nichts zu sehen war.“
Ich fragte ihn, ob er das auch auf sich selbst bezog, und er sah mich lange an, bevor er antwortete, dass er in den letzten Jahren tatsächlich mehr mit Pflanzen gesprochen habe als mit Menschen, und dass er nicht wisse, ob das ein Versäumnis oder eine Entscheidung gewesen sei. Ich erzählte ihm von meiner eigenen Geschichte, von der Scheidung vor vier Jahren, vom Laden, der mir seither mehr Halt gegeben hat als jede Beziehung davor, und davon, dass ich mir inzwischen keine Sorgen mehr mache, ob ich allein alt werde, solange ich jemanden habe, dem ich eine Kette neu einstellen kann.
Wir setzten uns auf eine Bank am Wasser, direkt gegenüber der Stelle, an der das Musical-Zelt im Sommer aufgebaut wird und im Herbst wieder verschwindet, und aßen die Brote, die er, wie sich herausstellte, extra für uns beide vorbereitet hatte, mit Käse aus einem kleinen Laden am Prinzipalmarkt, den ich seit Jahren kenne, aber selbst nie besucht hatte. Es war eines dieser Gespräche, bei denen man merkt, dass die Zeit nicht mehr vergeht, sondern sich einfach ausdehnt, um alles hineinzulassen, was gesagt werden will.
Am späten Nachmittag, als wir zurück zum Kreativkai fuhren, schlug er vor, den Abend nicht enden zu lassen, sondern bei ihm zu Hause weiterzumachen, in seiner Wohnung nahe dem Kuhviertel, mit einem Wein, den er, wie er zugab, seit Monaten für eine Gelegenheit aufgehoben hatte, die er selbst nicht hätte benennen können. Ich sagte ja, mit derselben Leichtigkeit, mit der ich am Vortag ja zur Radtour gesagt hatte, und merkte dabei, dass sich in mir etwas gelöst hatte, das ich seit der Scheidung fest verschlossen gehalten hatte.
Was in seiner Wohnung geschah, zwischen den Bücherregalen voller botanischer Nachschlagewerke und einem Fenster, das auf einen kleinen, wild bewachsenen Hinterhof blickte, gehört uns beiden allein. Ich weiß nur, dass ich am Montagmorgen, als ich den Laden öffnete, zum ersten Mal seit Jahren das Gefühl hatte, dass ein Wochenende nicht vorbei war, sondern gerade erst begonnen hatte.
Er brachte sein Fahrrad in dieser Woche noch zweimal zu mir, obwohl an ihm nichts mehr zu reparieren war, und beim dritten Mal fragte ich ihn geradeheraus, ob er nicht endlich zugeben wolle, dass er nur wegen mir komme. „Ich habe gehofft, du merkst es später“, sagte er, „dann hätte ich noch ein paar Wochenenden gehabt, in denen ich Ausreden erfinden konnte.“ Seither kommt er jeden Samstag, mit oder ohne Grund, und wir fahren inzwischen fast jedes zweite Wochenende gemeinsam um den Aasee, ohne dass irgendeiner von uns noch eine Ausrede dafür braucht.







