Der Abend am Henkersteg
Carla, 41 · Nürnberg
Um sechzehn Uhr steht Carla, einundvierzig, hinter dem Tresen ihrer Weinbar im Weinstadl und poliert Gläser, die schon längst sauber sind, nur um ihre Hände zu beschäftigen. Die Nachricht liegt seit einer Stunde auf ihrem Handy, unbeantwortet, obwohl sie sie inzwischen auswendig kennt: „Ich bin heute Abend das letzte Mal in Nürnberg, morgen früh geht mein Flug. Hast du Lust, mir die Stadt zu zeigen, die du am meisten magst? Ohne dass daraus etwas werden muss.“ Ein Mann namens Erik, den sie vor zwei Wochen über eine App kennengelernt hat, ohne dass daraus je ein Treffen wurde, weil er ständig unterwegs war, Berlin, Wien, jetzt Nürnberg, für ein Projekt, das heute endet.
Sie hat sich seit dem Ende ihrer letzten Beziehung, vor über einem Jahr, eine Regel gesetzt: keine Versprechen, keine Wochenenden, die zu Wochen werden, keine Männer, die bleiben wollen, obwohl sie selbst nicht wüsste, wofür. Die Weinbar, ein schmales Fachwerkhaus im Weinstadl direkt an der Pegnitz, gehört seit drei Jahren ihr allein, seit sie sie von ihrem Onkel übernommen hat, und sie hat gelernt, dass ein Abend, der klar endet, mehr wert ist als einer, der sich über Monate hinzieht und trotzdem irgendwann endet.
Ihr Exfreund hatte anders gedacht. Er wollte Pläne, ein gemeinsames Konto, irgendwann ein Haus draußen in Erlenstegen, und je mehr er plante, desto enger wurde ihr die Bar, die Stadt, ihr eigenes Leben. Als er ging, blieb sie mit dem Gefühl zurück, dass sie sich selbst fast verloren hätte, um jemand anderem ein Zuhause zu geben, das sie sich nie gewünscht hatte. Seither serviert sie ihren Wein an Reisende, an Durchreisende, an Menschen, die morgen woanders sind, weil genau das ihr die Ruhe gibt, die sie mit einem Bleibenden nie gefunden hat.
Um neunzehn Uhr betritt er die Bar, in einem Mantel, der zu warm ist für den Nürnberger September, mit einem Koffer, den er noch nicht in sein Hotel gebracht hat, weil er direkt vom letzten Termin gekommen ist. „Ich wusste nicht, ob du wirklich antworten würdest“, sagt er, während er sich auf einen der Barhocker setzt, die ihr Onkel vor zwanzig Jahren aus einem alten Weinfass hat bauen lassen. „Ich wusste es selbst nicht“, sagt Carla und schenkt ihm einen Frankenwein ein, den sie sonst niemandem gibt, der nicht fragt.
Sie schließt die Bar früher als sonst, hängt ein handgeschriebenes Schild an die Tür, „Heute ab 20 Uhr geschlossen, private Führung durch die Altstadt“, und lacht dabei über sich selbst, weil sie so etwas noch nie getan hat. Erik erzählt, während sie durch den Weinstadl gehen, von seinem Beruf als Ausstellungsarchitekt, der ihn von Stadt zu Stadt schickt, davon, dass er seit sechs Jahren in keiner Wohnung länger als drei Monate gelebt hat, und dass ihn das nicht traurig macht, sondern befreit, was Carla besser versteht, als sie zugeben will.
„Die Leute fragen mich immer, ob ich nicht einsam bin“, sagt er, während sie an den Fachwerkhäusern des Weinstadls vorbeigehen, deren obere Stockwerke sich leicht über die Gasse neigen, als würden sie sich zuflüstern wollen. „Aber einsam war ich, als ich noch dachte, ich müsste irgendwo bleiben, um jemandem zu genügen.“ Carla bleibt kurz stehen, weil der Satz genau das trifft, was sie selbst nie so klar hätte aussprechen können. „Wir sollten eine Vereinbarung schließen“, sagt sie schließlich. „Heute Abend redet keiner von uns über Einsamkeit. Nur über die Stadt.“ Er hält ihr den Ellbogen entgegen, wie zu einem Handschlag, und sie schlägt ein.
Sie führt ihn über den Henkersteg, die alte Holzbrücke, die sich über die Pegnitz spannt, vorbei am Wasserturm, in dem früher, wie sie erzählt, tatsächlich der Henker gewohnt haben soll, weil ihn niemand als Nachbarn wollte. „Ein Mann, den niemand als Nachbarn wollte, aber jeder brauchte“, sagt Erik. „Klingt fast wie eine Berufsbeschreibung für uns beide.“ Carla lacht, lauter als geplant, und ein Pärchen am gegenüberliegenden Ufer dreht sich kurz nach ihnen um.
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Jetzt reife Frauen treffenSie steigen die enge Gasse zur Burg hinauf, an den Fachwerkhäusern der Tiergärtnertorplatz vorbei, an denen schon die ersten Restaurants ihre Kerzen auf die Tische stellen, bis sie oben an der Kaiserburg stehen und die ganze Altstadt unter sich liegt, die Dächer der Sebalder Seite, die Türme der Frauenkirche am Hauptmarkt in der Ferne, das letzte Licht, das sich in den Fenstern bricht. „Ich zeige das jedem, der einmal in meiner Bar sitzt und traurig aussieht“, sagt Carla. „Sehe ich traurig aus?“, fragt Erik. „Du siehst aus wie jemand, der morgen wegfliegt und heute noch nicht weiß, wie er darüber reden soll.“
Er schweigt einen Moment, dann sagt er, dass er in den letzten sechs Jahren gelernt hat, Abschiede nicht zu benennen, weil das Benennen sie schwerer macht, als sie sein müssen. „Aber heute“, sagt er, „würde ich gern einmal genau wissen, was das ist, bevor es vorbei ist.“ Carla sieht ihn an, lange, und denkt an ihre eigene Regel, keine Versprechen, und merkt, dass diese Regel für einen Abend wie diesen ohnehin nie gedacht war, weil hier niemand etwas verspricht, weil hier von vornherein klar ist, dass es bei einer Nacht bleibt.
„Das hier“, sagt sie schließlich, „ist ein Abend, der uns nichts schuldet. Kein Morgen, keine Nachricht in drei Wochen, kein Vergleich mit dem, was hätte werden können. Nur das hier, jetzt, die Burg, die Stadt, du und ich.“ Erik nimmt ihre Hand, dort oben, mit der ganzen Altstadt unter ihnen, und sagt, dass das die ehrlichste Beschreibung eines Abends sei, die er je gehört habe.
Sie gehen zurück durch die Burggasse, an den geschlossenen Läden vorbei, bis zum Hauptmarkt, wo der Brunnen, das Schöne Brunnen mit seinem goldenen Ring im Gitter, im Licht der Straßenlaternen steht. Carla erzählt ihm die alte Geschichte, dass man sich etwas wünschen darf, wenn man den Ring dreimal dreht, und Erik dreht ihn, die Augen geschlossen, und sagt danach nur, dass er seinen Wunsch für sich behält, weil er sonst nicht in Erfüllung geht.
Ihr Hotel liegt in der Nähe des Hauptmarkts, ein schmales Haus mit einer Rezeption, die um diese Zeit schon fast leer ist, und an der Treppe zu seinem Zimmer bleibt er stehen und fragt, ob sie mitkommen möchte, ohne dass es eine Fortsetzung braucht, ohne dass morgen früh irgendetwas anders sein muss, als es heute war. Carla denkt an die Bar, die morgen wieder öffnet, an die Gläser, die wieder poliert werden müssen, an das Leben, das genauso weitergeht, ob sie nun mitgeht oder nicht, und genau das macht die Entscheidung leicht.
Was danach zwischen den beiden dünnen Wänden dieses Hotelzimmers geschah, bleibt zwischen ihnen, im Halbdunkel, während unten am Hauptmarkt die letzten Nachtschwärmer nach Hause gingen. Am nächsten Morgen, kurz vor sieben, weckt sie der Wecker seines Handys, und er sitzt schon angezogen auf der Bettkante, den Koffer neben sich, mit einem Blick, der weder Bedauern noch Erleichterung zeigt, nur eine Ruhe, die zu dem passt, was sie beide am Abend zuvor vereinbart hatten.
„Kein Abschied, der etwas schuldet“, sagt Erik, und Carla nickt, zieht sich ihr Kleid vom Vorabend wieder an und begleitet ihn bis zur Tür des Hotels, wo ein Taxi bereits wartet. Sie küsst ihn kurz, ohne Wehmut, und geht dann quer über den Hauptmarkt, an den ersten Marktständen vorbei, die schon ihre Stände aufbauen, zurück zum Weinstadl, wo sie um zehn ihre Bar wieder öffnet, als sei nichts geschehen, außer dass sie an diesem Morgen die Gläser mit einem Lächeln poliert, das niemand von ihren Gästen erklären könnte.
Am Nachmittag schreibt Erik noch einmal, aus dem Flugzeug, offline geschrieben und erst nach der Landung in Wien abgeschickt: „Danke für einen Abend, der mir nichts schuldet. Ich glaube, das war das Beste, was mir seit Jahren jemand gegeben hat.“ Carla liest die Nachricht zwischen zwei Bestellungen, lächelt kurz und legt das Handy zurück unter den Tresen, ohne zu antworten, nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil sie weiß, dass manche Sätze am schönsten bleiben, wenn man sie nicht fortsetzt. Ihr Onkel hätte, denkt sie, wahrscheinlich genau das gemeint, als er ihr die Bar übergab und sagte, ein guter Wein verlangt keine Erklärung, nur einen Moment, in dem man ihn wirklich schmeckt.







