Zwischen Kö und Kurzer Straße
Nicole, 41 · Düsseldorf
Nicole sitzt um vier Uhr nachmittags noch im Meeting, dritte Kampagne für einen Kunden aus der Modebranche, als die Nachricht auf dem Bildschirm ihres stummgeschalteten Handys aufblitzt. Ein Mann namens Jonas, den sie vor zwei Wochen auf einer App gematcht und seither nur zweimal kurz geschrieben hat, fragt: „Bist du heute Abend frei? Ich habe keine Lust auf Pläne, nur auf einen Ort, an dem wir reden können." Sie starrt fünf Sekunden auf den Satz, während ihr Kollege weiter über Farbpaletten spricht, und tippt unter dem Tisch zurück: „Neun Uhr, Altstadt, Kurze Straße."
Ihre Agentur liegt zwei Straßen von der Königsallee entfernt, im vierten Stock eines Glasgebäudes mit Blick auf die Kastanien, und normalerweise würde Nicole nach Feierabend noch eine Stunde am Schreibtisch sitzen, E-Mails abarbeiten, die niemand dringend braucht. Heute nicht. Sie packt um Viertel vor sechs zusammen, ohne Erklärung, was ihre Kollegin mit einem Grinsen quittiert, das mehr weiß, als es zugibt.
Seit ihrer Trennung vor anderthalb Jahren hat Nicole sich vorgenommen, Verabredungen nicht mehr Wochen im Voraus zu planen, weil genau diese Planung, dieses ewige Abwägen von Terminen und Erwartungen, ihre Ehe am Ende erstickt hat. Ihr Exmann wollte immer wissen, was in drei Monaten sein würde, während sie sich zunehmend fragte, was heute Abend sein könnte. Jonas' Nachricht, so kurz sie war, traf genau diesen Nerv, ohne dass er es wissen konnte.
Sie geht die Königsallee entlang, an den Boutiquen vorbei, deren Schaufenster schon beleuchtet sind, während die Sonne noch über dem Kanal in der Mitte der Straße steht, diesem schmalen Wasserlauf, den alle nur „die Kö" nennen, obwohl das eigentlich die ganze Straße ist. Sie hat keine Lust, nach Hause zu fahren und sich umzuziehen; sie kauft sich stattdessen ein neues Lippenrot in einer Parfümerie, testet es auf dem Handrücken, entscheidet sich für den dunkleren Ton und trägt ihn direkt auf, mitten im Laden, ohne sich dafür zu entschuldigen. Die Verkäuferin lächelt, fragt, ob es einen besonderen Anlass gebe, und Nicole sagt nur „vielleicht", weil sie selbst noch nicht weiß, wie viel dieser Abend wert sein wird, bevor er überhaupt begonnen hat. Draußen ist die Luft warm, dieser typische Spätsommerabend, an dem die Kastanien schon die ersten Blätter verlieren, obwohl die Temperatur noch nach Juli schmeckt.
Um halb acht sitzt sie allein in einer Bar am Carlsplatz, bestellt einen Aperol, den sie kaum anrührt, und beobachtet die Marktstände, die gerade abgebaut werden, Kisten mit Blumen, die niemand mehr gekauft hat. Sie denkt an ihre Ehe, die seit anderthalb Jahren vorbei ist, an die Regel, die sie sich selbst aufgestellt hat: keine Versprechen, keine großen Worte, nichts, was sie später enttäuschen könnte. Jonas hat in seiner Nachricht kein einziges Versprechen gemacht. Das gefällt ihr mehr, als sie sich eingestehen möchte.
Ein Kellner bringt ihr die Rechnung, obwohl sie kaum getrunken hat, und sie zahlt, ohne zu zögern, während sie beobachtet, wie ein Straßenkünstler am Rand des Platzes seine letzten Requisiten in einen Koffer packt. Sie denkt daran, wie oft sie in den letzten Monaten genau hier gesessen hat, allein, nach der Arbeit, ohne dass irgendetwas danach kam außer dem Heimweg. Heute ist es anders, und dieser Unterschied macht sie nervöser, als ihr recht ist.
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Jetzt reife Frauen treffenEr wartet schon, als sie ankommt, an einem Stehtisch vor einer der kleinen Kneipen, ein Altbier in der Hand, das er ihr sofort bestellt, ohne zu fragen. Er ist größer, als sie erwartet hat, mit einer Baustellenjacke über dem Hemd, weil er direkt von einem Projekt am Rheinufer gekommen ist. Sie reden über die Stadt, über den Unterschied zwischen der linken und der rechten Rheinseite, über den Medienhafen, den er hasst, weil er zu poliert sei, und das Bolker Viertel, das er liebt, weil es das noch nicht ist. Er arbeitet als Bauleiter an einem Projekt nahe dem Rheinufertunnel, erzählt von Baustellenlärm und Terminplänen, die sich ständig verschieben, und Nicole merkt, wie erholsam es ist, jemandem zuzuhören, der über Beton und Zeitpläne redet, statt über Kampagnen und Kundenwünsche, mit denen sie den ganzen Tag zu tun hat. Sie fragt ihn, ob er die Stadt eigentlich mag, so wie er über sie redet, halb genervt, halb verliebt, und er lacht, sagt, dass man Düsseldorf nur mag, wenn man auch die Baustellen mag, weil beides ständig im Umbau sei, die Stadt und die Leute darin.
Sie ziehen weiter, von einer Kneipe zur nächsten, wie es in der Altstadt Tradition ist, „die längste Theke der Welt" nennen die Düsseldorfer diese paar hundert Meter, und irgendwann, zwischen der dritten und vierten Bar, hält er ihre Hand, ganz selbstverständlich, ohne etwas dazu zu sagen. Nicole lässt es zu. Sie denkt nicht an morgen, nicht an übermorgen, nur an diesen Abend, der genau das hält, was die Nachricht versprochen hat: keine Pläne, nur ein Ort, an dem sie reden.
Zwischen zwei Kneipen bleiben sie an der Ecke zur Bolkerstraße stehen, wo ein Straßenmusiker eine alte Ballade spielt, und Jonas fragt sie, ob sie oft so spontan ist, ob sie sich sonst auch einfach von einer Nachricht mitten in einen Abend ziehen lässt. Sie sagt, dass sie es früher nie getan hätte, dass die Ehe sie vorsichtig gemacht hat, und dass genau das der Grund ist, warum sie heute Nein zu keiner einzigen seiner Ideen gesagt hat. Er bestellt zwei weitere Altbier, ohne dass sie danach gefragt hat, und die Kellnerin, die ihn offenbar kennt, macht einen Strich auf seinen Bierdeckel, mehr aus Routine als aus Interesse an den beiden.
Gegen Mitternacht stehen sie am Rheinufer, unter dem Rheinturm, dessen Lichter die Uhrzeit in bunten Punkten anzeigen, und Jonas fragt, leise, fast beiläufig, ob sie noch nicht nach Hause will. Sie sagt nein, noch nicht, und die Antwort fühlt sich leichter an, als sie erwartet hat. Was danach geschieht, in seiner Wohnung in Flingern, mit Blick auf die Hinterhöfe und den Geruch von kaltem Zigarettenrauch vom Balkon nebenan, bleibt zwischen den beiden, hinter einer Tür, die sie beide bewusst schließen, ohne ein Wort über morgen zu verlieren.
Um halb drei weckt sie ein Geräusch von der Straße, eine Gruppe, die laut singend nach Hause zieht, und sie liegt wach, während Jonas neben ihr schläft, den Arm über ihrem Bauch. Sie denkt nicht darüber nach, was das jetzt bedeutet, ob es eine Fortsetzung gibt oder nicht. Sie hat ihm nichts versprochen, er ihr nicht, und genau das, denkt sie, ist der Grund, warum sie überhaupt gekommen ist.
Am Morgen zieht sie sich leise an, schreibt eine Nachricht mit ihrer Nummer auf einen Zettel, den sie neben die Kaffeemaschine legt, obwohl sie ihm die Nummer eigentlich schon am Abend gegeben hat, und geht, ohne ihn zu wecken, zurück in ihr eigenes Leben, mit einem Abend im Gepäck, der genau so war, wie sie ihn wollte: ohne Verpflichtung, aber ganz und gar echt.
Im Büro, ein paar Stunden später, fragt ihre Kollegin, ob es sich gelohnt habe, kurzfristig alles stehen und liegen zu lassen. Nicole antwortet nicht sofort, blättert nur durch die Präsentation, die sie eigentlich am Abend fertigstellen wollte, und lächelt schließlich, ohne aufzublicken: „Frag mich am Freitag noch mal, dann weiß ich vielleicht, ob es einen zweiten Abend gibt." Ihr Handy vibriert in diesem Moment, eine Nachricht von Jonas, nur zwei Worte: „Nochmal, bald?" Sie schreibt zurück, während die Präsentation immer noch auf ihrem Bildschirm offen ist, unfertig, und für den Moment stört sie das kein bisschen: „Freitag, Kö oder Kurze Straße, such du dir was aus." Die Antwort kommt fast augenblicklich, ein einziges Wort, das sie den ganzen restlichen Tag lächeln lässt, während draußen vor dem Glasgebäude die Kastanien im Wind stehen und die Königsallee sich langsam mit dem Feierabendverkehr füllt, als wüsste die ganze Stadt schon, dass sie am Freitag wieder auf die Kurze Straße zurückkehren wird.







